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Fraktur : Das Zauberwort

Felix Austria: Der Fiaker nach Deutschland ist gratis. Bild: Wilhelm Busch

Die Deutschland-öffne-dich-Formel wird nicht mehr gebraucht. Dafür erfährt die Zone eine Rehabilitierung.

          Eine Begebenheit aus der guten alten Zeit, also den achtziger Jahren: Auf dem Münchner Flughafen, der damals noch keine Tagesreise von München entfernt war, kommt ein Mann an, der offenkundig Asyl beantragen will. Doch hat er den Schlüsselbegriff vergessen, den man dafür nennen muss: „A..., A..., A...“. Leider war damals die Willkommenskultur noch nicht erfunden. „Dass bloß keinem das Zauberwort über die Lippen kommt“, flüstert der Truppführer vom Grenzschutz seinen Leuten zu. Weil damals ein Polizist noch ein Polizist war und noch nicht ein „Polizei Communicator“, bekam der Ankömmling statt des Marienplatzes nur die Transitzone von Riem zu sehen, und auch die nicht für lange.

          Heutzutage wäre das natürlich undenkbar, selbst in Bayern. (Die CSU ist in Sachen Flüchtlinge ja nur deswegen so fuchsteufelswild, weil das mit der Ausländermaut noch nicht geklappt hat. Was wäre das für ein Geschäft geworden!) Inzwischen weiß die ganze Welt, wie die Deutschland-öffne-dich-Formel lautet, weswegen wir als hocheffizienter Staat an unseren ehemaligen Grenzen nicht einmal mehr nach der Parole fragen. Nur die Österreicher halten „Asyl“ noch immer für ein arabisches Wort, das, ins Deutsche übersetzt, bedeutet: „Wo bitte geht es nach Deutschland?“ Die Standardantwort der österreichischen Grenzpolizisten darauf lautet, ebenfalls ins Deutsche übertragen: „Bitte sehr, bitte gleich, hier entlang, es ist gar nicht weit, und nehmen Sie doch noch ein Stück Sachertorte als Wegzehrung mit. Der Fiaker zur Grenze ist natürlich gratis.“

          Während Deutschland über die Einrichtung von Transitzonen streitet, die schon „Konzentrationslager“ genannt wurden, richtet Felix Austria Jausenstationen ein, damit die Migranten auf dem Weg nach Deutschland nicht hungern und dürsten und die Alpenrepublik als freundliches Transitland in Erinnerung behalten. Wir mögen eine moralische Supermacht sein. Österreich aber, das anders als wir seine große Zeit als Vielvölkerstaat schon hinter sich hat, erinnert sich noch daran, was vor der Moral kommt.

          Wenigstens in Deutschland selbst hat das Wort Asyl noch immer einen magischen Klang. So bot der große Illusionskünstler Gabriel der CDU-Vorsitzenden doch tatsächlich den Schutz der SPD vor der politischen Verfolgung durch die CSU und zunehmend auch ihre eigene Partei an. Das war gar nicht so uneigennützig und unehrlich, wie es zunächst aussah. Wie sonst sollte die SPD in den nächsten zehn Jahren die Kanzlerin stellen können? Doch Vorsicht, Herr Gabriel, Frau Merkel macht, wie man jetzt wieder sieht, keine halben Sachen. Ehe Sie sich versehen, trägt sie Bebels Taschenuhr als Anhänger an ihrer Halskette.

          Wenn ihr nicht doch noch die Transitzonen zum Verhängnis werden! Das wäre nun wirklich eine Ironie der Geschichte. Ausgerechnet jetzt, wo das Wort Zone zumindest in der CSU seine vollständige Rehabilitierung erfahren hat. Es war ja auch wirklich nicht alles schlecht an der Zone. Man denke nur an die sicheren Grenzen. (Im Trubel des Gerüchts, dass Merkel den Friedensnobelpreis bekommen werde, ging übrigens völlig unter, dass die Zonenwachtel beinahe die Wahl zum Vogel des Jahres gewonnen hätte.) Wie froh wären jetzt selbst die Bayern, gäbe es noch die Transitstrecken nach Berlin! Dann könnte man die Hauptstadt zu einer einzigen Transitzone machen, was sie in verschiedener Hinsicht ohnehin schon ist. Und all jene Besorgten, vor deren innerem Auge Altötting bereits zu einem neuen Guantánamo wird, könnten ein paar Flüchtlinge in ihren Penthäusern in Mitte aufnehmen. Praktischer Hinweis für die ersten Tage: Osten ist da, wo der Fernsehturm steht.

          Wir aber, das bekennen wir ganz offen, denken angesichts des Gangs der Dinge immer öfter darüber nach, selbst in einem anderen Staat um Asyl zu bitten. Doch wo? Das einzige Land auf der Erde, dessen Präsident mit wirklich allen Herausforderungen fertig wird, kommt für uns aus naheliegenden Gründen nicht in Frage – wer geht schon freiwillig in den GULag? Amerika? Der Glaube, dass es nach Obama nicht noch schlimmer kommen kann, hat uns verlassen. Doch warum in die Ferne schweifen, wenn das rettende Ufer so nahe liegt? Es heißt, die Holländer würden jetzt jeden einbürgern, der gegen einen Ball treten kann, ohne dabei ein Eigentor zu schießen.

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