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Fraktur : Auch das Sauerkraut gehört zu Deutschland

Auch die Vegetarisierung bedroht das Abendland: Immer neue Begehrlichkeiten. Bild: Wilhelm Busch

Doch was ist mit der Schweinshaxe? Wir brauchen endlich eine abschließende Liste.

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          In der Frage aller Fragen, was nämlich alles zu Deutschland gehört, sind wir dank dem Bundespräsidenten und der Kanzlerin ein gutes Stück vorangekommen. Da wollte sich der Vizekanzler natürlich nicht lumpen lassen. Er ergänzte die Reihe, in der sich schon der Islam und Auschwitz befanden, um die Pegida-Bewegung und das Recht, rechts sein zu dürfen, ja sogar deutschnational. Hört, hört, Völker, die Signale, kann man da nur ausrufen! Der Besuch in Dresden muss bleibenden Eindruck auf den SPD-Vorsitzenden gemacht haben. Verdrossene aller Länder, verzweifelt nicht: Es ist doch möglich, bei einem Politiker Gehör zu finden. Nach diesem Ergebnis sollten zum Beispiel auch die Schlesier erwägen, ob sie Gabriel einmal einladen wollen. Natürlich nur als Privatmann, denn als solcher hört und versteht der Politiker offenkundig viel besser, worum es den einfachen Menschen wirklich geht.

          Das Problem ist allerdings, dass die Bestätigung der Zugehörigkeit immer neue Begehrlichkeiten weckt. Wenn Gabriel zum Beispiel sagte „Schlesien gehört auch zu Deutschland“, ständen bestimmt bald die Sudetendeutschen vor seiner Tür. Und dann die Donauschwaben, die Ostpreußen, die Russlanddeutschen ... O je, das geht gar nicht! Wenn ein Deutschnationalen-Versteher wie Gabriel so viel Zulauf hat, kriegt Putin am Ende Angst um Königsberg und besetzt vorsichtshalber Polen. Das würde dann Zugehörigkeitsfragen aufwerfen, die wir hier gar nicht zu stellen wagen.

          Uns reicht schon völlig der Streit zwischen dem bayerischen Ministerpräsidenten Seehofer und dem Intendanten des Bayerischen Rundfunks, Wilhelm. Der Bayerische Rundfunk, das sagt bereits der Name, gehört eindeutig zur CSU. Also eigentlich der CSU. Aber gehört ein Leichtmatrose, äh Laiendarsteller wie Söder deswegen auch in eine Unterhaltungssendung, wo er weit unter seinen schauspielerischen Fähigkeiten blieb, als er die Arbeit der Staatsregierung lobte? Nein, sagte der Intendant. Dafür erhielt er einen Rüffel von Seehofer: Was erlauben Wilhelm!

          „Wie ein infiziertes Geschöpf“ komme er sich da als Politiker vor, schimpfte Seehofer. Als ehemaliger Regierungssprecher müsse Wilhelm doch wissen, dass Politiker nicht als „Outlaws“ behandelt werden dürften. (Soll heißen: Weiß der nicht, wohin der gehört?!) Jetzt verstehen wir endlich völlig, was Seehofer meinte, als er im Fernsehen sagte: Das dürfen Sie alles senden! Senden, nicht sagen. Wir sehen das Wunschprogramm der CSU schon vor unserem Auge: „Bäuerin sucht Mann“ mit Ilse Aigner, „Der Staat bin ich“ mit Horst Seehofer und „Eine schrecklich nette Familie“ mit Georg Schmid (müsste jetzt natürlich kurzfristig umbesetzt werden).

          Auch diese Auseinandersetzung zeigt, dass wir endlich eine abschließende Liste brauchen, was alles zu Deutschland, Bayern, Offenbach und so weiter gehört. Die Ausrede, darauf würde sich nur Selbstverständliches finden, können wir nach den Äußerungen der vergangenen Tage und Wochen nicht mehr gelten lassen. Was ist zum Beispiel mit der Schweinshaxe? Gehört die auch zu Deutschland, obwohl sich nur ein kleiner werdender Teil der Deutschen vollständig mit ihr identifiziert? Nicht nur die Islamisierung, auch die Vegetarisierung bedroht das Abendland. Was um so dringlicher die Frage aufwirft, ob es eine deutsche Identität ohne Sauerkraut (mit Speck) geben kann. Hardly, würden die Engländer sagen. Wo aber ist der Bundespräsident, der am 3. Oktober mitten im Volk, also in einem Bierzelt, ausruft: „Das Sauerkraut gehört zweifelsfrei zu Deutschland!“ Wir finden, ein solches Bekenntnis zur deutschen Kultur und Geschichte würde sich jetzt wirklich langsam gehören.

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