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Fraktur zum WM-Albtraum : Jogi und Mutti

Es gäbe einen Spielzug, der den Albtraum von Kasan sofort in Vergessenheit geraten ließe.

          Gibt es in der erfolgreichen tausendjährigen Geschichte Deutschlands eine Niederlage, die man „wirkungsgleich“ zur Katastrophe von Kasan nennen könnte? Aus rein geographischen Gründen läge Stalingrad nahe, aber diesen unmöglichen Vergleich kann nicht einmal Adolf Galland, pardon: Gauland ziehen. Denn wenn die ganze Naziherrschaft nur ein Vogelschiss war, dann wäre der Untergang der 6. Armee ja allenfalls ein Mückenschiss gewesen. Und ein solcher kann niemals die Wirkung auf uns haben, die der, mit Verlaub, Elefantensch... hatte, den das deutsch-türkische Nationalteam in Russland zusammenspielte.

          Selbst der „Bild“-Zeitung fehlten nach der Mutter aller Blamagen die Worte. Und auch wir müssen immer noch mit der inneren Leere ringen, die uns seit den zwei Wirkungstreffern der Südkoreaner ergriffen hat. Was ja kein Wunder ist, will uns doch nicht einmal mehr eine Schland-Wurst (verbrannte Rindswurst mit Senf) schmecken, von der jetzt einige Exemplare im ewigen Eis unserer Kühltruhe auf bessere Zeiten warten müssen.

          Deutschland, ein Sommeralbtraum!

          Das haben wir nun davon, dass wir Donald Trump glaubten, Nordkorea sei die größte Gefahr für unsere Sicherheit! Doch es waren diese Roadrunner aus dem Süden, die uns unsere nationale Selbstsicherheit raubten. Deutschland, ein Sommeralbtraum! Platz vier wäre so schlecht nicht, wenn wir ihn bei dieser WM nicht bloß in unserer Vorrundengruppe erreicht hätten. Jetzt lachen sogar noch die Holländer und Italiener über uns, die lieber gleich gar nicht antraten.

          Der kühlste Spott stammt aber wie immer aus England, wo Gary Lineker seine Fußball-Definition ändern musste. Unser alter britischer Freund, ein Historiker, schrieb uns mit landestypischem Humor: „Jetzt schaffen es die Deutschen nicht einmal mehr im Sommer bis nach Moskau.“

          Natürlich könnten auch wir kübelweise Hohn über die Kasper von Kasan ausschütten. Doch würde auch das nicht lange das unerträgliche Gefühl betäuben, dass wir alle zusammen mit ihnen gescheitert sind. Ist die Nationalmannschaft nicht als Musterbeispiel dafür gehandelt worden, dass grenzenloser Erfolg möglich ist und man alles schaffen kann, wenn man nur will? Als Schmelztiegel der Hintergründe? Als Schule der Nation, jedenfalls auf dem Feld der Umerziehung zum guten, ja besten Deutschen („best never rest“)?

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          Merkel muss immerhin nicht nach Moskau

          Den Spielern unserer Nationalmannschaft wurde zeitgleich so viel aufgebürdet – sag nein zum Rassismus, sag ja zur Toleranz, liebe den Stürmer deines Gegners so wie deinen eigenen –, dass danach nur gottgleiche Fußballer so schnell hätten rennen können wie die sogenannten „hungrigen“ Teams, für die immer noch zuerst das Fressen kommt, also das Siegen, und dann die Moral.

          Bei uns aber fehlte nicht mehr viel, und die CDU hätte Jogi Löw zum nächsten Kanzlerkandidaten gemacht, was freilich immer noch geschehen könnte, wenn Seehofer doch noch glaubwürdig bleiben wollte und auch Löw nicht so klammerte, sondern frei wäre für eine neue Verwendung, die ja immerhin ebenfalls mit „Bundes-“ anfinge. Nach zwölf Jahren – eine weitere Parallele zwischen Jogi und Mutti – würde ein Wechsel schließlich nicht schaden.

          Und die Nationalmannschaft der Männer hatte ja noch nie eine Bundestrainerin. Eine solche „historische“ Rochade würde doch auch sofort die Nachricht vom erstmaligen Ausscheiden in einer Vorrunde vergessen machen. Und Merkel, die jetzt immerhin nicht nach Moskau reisen muss (alles hat sein Gutes), könnte dann noch viel öfter bei ihren Lieblingen in der Kabine sein.

          Wer sollte auch sonst nach Löw Bundestrainer werden? Diego Armando Maradona, die zugekokste Hand Gottes? Boris Becker, der bedauernswerte Attaché Zentralafrikas? Martin Schulz? Tragische Helden haben wir wahrlich ausreichend, seit Kasan sogar mehr als genug. Es ist doch ein Gebot der Gleichberechtigung, dass wir endlich auch mehr gefallene Heldinnen verehren können. Erst dann könnte man wirklich von der geforderten Wirkungsgleichheit sprechen.

          In Gestalt einer Büste in die Walhalla einzuziehen ließe Merkel doch auch verschmerzen, dass Söder sie nirgendwo sonst in seinem Reich und Wahlkampf auftreten lässt, nach der Devise, dass wenigstens Bayern eine merkelfreie Zone bleiben soll, wenn man sie schon in Berlin nicht los wird. Erst vor diesem Hintergrund versteht man wirklich, warum die CSU unbedingt die Grenzen wieder abriegeln will und auf dem Recht zur Zurückweisung besteht.

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