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Fraktur : Sag niemals Neger!

Lektion gelernt: Heutzutage dürfte niemand mehr so karikiert werden, nicht einmal ein Dunkeldeutscher. Bild: Wilhelm Busch

Wie eine Koalition der Farbigen einem Schwarzen eine Lektion erteilte.

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          Als Bundespräsident Gauck das düstere Wort „Dunkeldeutschland“ reaktivierte, dachte mancher Schwarzseher: Au weia! Durch welches finstere Tal werden wir wandeln, wenn sogar ein Ossi, auch wenn er nun unser aller Präsident ist, einen alten Wessi-Kampfbegriff benutzt, um seine früheren Brüder und Schwestern in die Pfanne zu hauen!

          Gauck hat das Missverständnis zum Glück schnell beseitigt: Er habe damit Haltungen gemeint, nicht Regionen. Leute, die etwas heller im Kopf sind, hätten sich das gleich denken können. Uns allen zeigt dieser Vorgang auf höchster politischer und rhetorischer Ebene, wie vorsichtig in Deutschland selbst Lichtgestalten sein müssen, wenn sie im Dunklen tappen. Denn dort sieht man ja bekanntlich nichts. Und wo ganz viel Licht ist, ist auch ganz viel Schatten.

          Es wäre also ebenfalls nicht unriskant gewesen, wenn Plasberg in die Sendung über die Flüchtlinge an Stelle des bayerischen Innenministers den Beckenbauer eingeladen hätte. Mit Herrmann war die Katastrophe freilich programmiert. Der ist so leutselig, dass er dem Volk einfach alles nachplappert, sogar dann, wenn es „Neger“ sagt. Herrmann sagt das nach eigenem Bekunden sonst nie. Auch in der ganzen CSU sagt das niemand (mehr)! Dort redet man immer nur von den Schwarzen (Mitglieder von CSU und, mit Einschränkungen, CDU) und den wunderbaren Schwarzen (alle Menschen mit dunkler Hautfarbe). Nicht einmal Stoiber sagte heißer Neger, wenn er heißer Feger meinte.

          Herrmann oder gar der ganzen CSU Rassismus zu unterstellen ist also schlicht Schwarzmalerei. Nirgendwo out of Bavaria fühlte sich Strauß so daheim wie in den Palästen schwarzafrikanischer Potentaten, auch nicht in Moskau. Welche Partei hat denn die meisten Entwicklungshilfeminister gestellt? Und das soll alles nichts mehr gelten, nur weil Herrmann das CSU-Ehrenmitglied Roberto Blanco ein einziges Mal einen Neger hieß, wo er doch extra das Adjektiv „wunderbar“ vorgeschaltet hatte? Warum aber hat die ARD danach nicht sofort die Sendung abgebrochen, warum keiner aus Protest das Studio verlassen? Statt solche beckmesserischen Fragen zu stellen, sollten wir wohl lieber froh und dankbar sein, dass Herrmann nicht die Äußerungen von Gauck vorgespielt wurden, sonst hätte er den Sänger vielleicht noch einen wunderbaren Dunkeldeutschen genannt.

          Liebe aufgeregte Farbige (was hier erlaubt ist, weil wir damit nur die hellhäutigen Schwarzen, Roten und Grünen meinen), lasst nun doch bitte die Kirche im Kral, auch wenn natürlich die Zeiten längst vorbei sind, in denen sogar der „Spiegel“ Martin Luther King einen – kann man sich als Deutscher eine schlimmere Wortkombination vorstellen? – „Negerführer“ nannte. Dem bayerischen Innenminister, da sind wir sicher, wird das N-Wort nach der ihm jetzt erteilten Lektion nicht einmal dann mehr über die Lippen kommen, wenn ihn beim Konditor ein mit Schokoladenguss überzogenes Schaumzuckergebäck anlacht.

          Das ist der Punkt, an dem auch diese Zeitung unumwunden zugeben muss: Da hat das öffentlich-rechtliche Fernsehen im Zusammenwirken mit den KonTROLLinstanzen des Internets doch tatsächlich einmal seinen Bildungsauftrag erfüllt.

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