https://www.faz.net/-gpf-9kdmh

Fraktur : Echte Typen

Oscarreif: Trumps amouröse Neigung zu autoritären Charakteren. Bild: AFP

Wenigstens Donald Trump und Kim Jong-un sind nicht minimalinvasiv.

          Der amerikanische Präsident Donald Trump hat seinen nordkoreanischen Kollegen Kim Jong-un (dos, tres, Ave Maria) als einen „Typen“ gewürdigt. Dass das nach dem vorzeitigen Ende des Gipfels in Hanoi geschah, als es keinen vernünftigen Grund mehr für Schmeicheleien gab, macht Trumps Urteil umso zwingender. Doch warum ist das Besondere an Kim sonst noch keinem aufgefallen?

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Wahrscheinlich werden echte Typen mit Ecken und Kanten nur von echten Typen erkannt, so wie die unsterblichen Engel sich im „Himmel über Berlin“ nur gegenseitig erkennen konnten. Oder wie nur Genies in der Lage sind, das Genie anderer festzustellen. Oder wie sich Recep Tayyip Erdogan am liebsten mit Gerhard Schröder über die Freilassung politischer Gefangener unterhält. Der Autor dieses Textes müsste demnach ein echter Typ sein, um kundig über die Materie schreiben zu können. Aber im Journalismus ist dafür kein Platz mehr. Jedenfalls sind die Zeiten, als man etwa in Hamburger Medienhäusern Ausflüge auf die Reeperbahn noch als Dienstreise abrechnen konnte, längst vorbei. Mangelnde Sachkenntnis hat aber noch keinen vom Schreiben abgehalten. Und man kann ja zumindest erahnen, was Trump, ein echter Typ, der immerhin fast ein Held des Vietnam-Kriegs geworden wäre, zu seinem Kim-Lob bewog.

          „He is quite a guy, quite a character“, sagte er. Heißt so viel wie: oscarreif. Man wird nicht bestreiten können, dass das heutzutage wichtig ist. Fragen Sie doch mal bei deutschen Fernsehsendern an, über wen sie lieber einen Film bringen würden: über Kim oder, um nur ein willkürliches Beispiel zu nennen, Carsten Schneider. Mag ja sein, dass Kim seine Gegner mit Flammenwerfern zu beseitigen pflegt. Das erfüllt uns, wie Frank-Walter Steinmeier sagen würde, natürlich mit tiefster Sorge. Aber darauf muss man erst mal kommen. Hübscher Satz dazu aus „Heartbreak Ridge“ von Clint Eastwood: „You can run me, you can starve me, you can beat me and you can kill me. Just don’t bore me.“ So ähnlich soll ja auch das Credo des unverwechselbaren, aber leider toten Typen Karl Lagerfeld gelautet haben. Eastwood, auch nicht mehr weit weg von der Nahtoderfahrung, hat gesagt, das große Problem unserer Tage sei die „pussy generation“. Heißt: Echte Typen gibt es allenfalls noch in der Version „minimalinvasiv“. Dieses chirurgisch-präzise Adjektiv, so war jüngst in dieser Zeitung zu erfahren, kursiert in Berlin zur Beschreibung der Männer, die es geschafft haben, im engsten Arbeitsumfeld von Angela Merkel zu verbleiben.

          Im Fußball hat man das ja schon oft gehört, dass es an Typen fehle. Anscheinend gibt es keinen mehr, der, wenn es auf dem Platz brennt, einen umhaut, einen reinhaut, einem eine reinhaut, runterhaut oder wenigstens danach einen raushaut. So, wie es früher Gerhard „Acker“ Schröder getan hätte, im Fußball wie in der Politik. Auch da fehlt es an Typen – hat einst Joschka Fischer bemerkt, nach eigenem Ermessen „einer der letzten Live-Rock ’n’Roller der deutschen Politik“. Hat auch Edmund Stoiber gesagt („Es fehlt jemand wie Joschka Fischer“), und zuletzt Horst Seehofer.

          Um endlich mit einem Missverständnis aufzuräumen: Natürlich können auch Frauen Typen sein, wenngleich man statt von „Typ“ dann eher von „Type“ spricht. Seehofer sagt zum Beispiel über Merkel, dass sie „unbedingt“ eine Type sei. Aber auch die Kanzlerin könnte bald weg sein. Was ist da bloß los? Wahrscheinlich hat es was mit der Demokratie zu tun. Irgendeinen Grund muss es schließlich geben, warum Trump eine nachgerade amouröse Neigung zu autoritären Charakteren hat.

          Das Tröstliche: Solange es Leute gibt, die sagen, es fehle an Typen, gibt es noch Typen, weil die, die es beklagen, stets davon ausgehen, sicher zu Recht, dass sie selbst welche sind. Man sollte trotzdem über eine Typen-Quote nachdenken, aber maximal ein Viertel im Bundestag. Denn zur Wahrheit gehört auch, dass die Politik, würde sie ausschließlich von echten Typen bevölkert, einpacken könnte. Wenn man etwa an Trump oder Kim denkt: Da ist ein Typ schon zu viel. Ein Seehofer hingegen ist wunderbar, aber zehn davon im Innenministerium – und der Laden würde in intuitivem Chaos versinken.

          Offenbar, so kann man in Anlehnung an den leider ebenfalls verstorbenen Staatsrechtler Ernst-Wolfgang Böckenförde feststellen, haben die echten Typen mit der Demokratie mehr gemein als sie bisweilen wahrhaben wollen. Denn auch sie leben von Voraussetzungen, die sie selbst nicht garantieren können – nicht einmal sie.

          Weitere Themen

          Zaudernde Macht

          FAZ Plus Artikel: Deutschlands Außenpolitik : Zaudernde Macht

          Seit Jahren heißt es, Deutschland müsse seine Interessen selbst verteidigen. Aber die Diskussion über einen Einsatz im Persischen Golf zeigt wieder einmal: In Berlin ist man sich weder über die Ziele noch über die Mittel einig.

          Topmeldungen

          Sherpas Hecker und Röller : Das sind Merkels G-7-Helfer

          Am Samstag beginnt der G-7-Gipfel in Frankreich. Jan Hecker und Lars-Hendrik Röller haben die meiste Arbeit dann hinter sich: Sie bereiten die Kanzlerin auf das Treffen vor. Doch wer sind Merkels wichtigste Berater?
          Der ehemalige Daimler-Chef Dieter Zetsche wird Aufsichtsrat bei Aldi Süd. Das liegt auch an seiner Freundschaft zum ehemaligen BASF-Chef Jürgen Hambrecht.

          Ehemaliger Daimler-Chef : Zetsche geht zu Aldi Süd

          Nach dem Ende seiner Karriere bei Daimler hat Zetsche einen Posten bei Aldi Süd übernommen. Wie die F.A.Z. erfahren hat, ist er schon seit Juni im Beirat des Discounters. Das hängt mit einer Männerfreundschaft zusammen.

          Trumps Grönland-Idee : Eiskalte Interessen

          Manche Republikaner unterstützen die Idee von Donald Trump, Grönland zu kaufen. Schließlich könnte man so den Einfluss von China und Russland begrenzen – und riesige Rohstoffvorkommen ausbeuten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.