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Ein Stern und sein Gasriese: Dramatische Gravitationsbeziehungen am Ende der Laufbahn. Bild: Wilhelm Busch

Fraktur zur Migrationsdebatte : Club Merkelterranée?

„Transitzone“ geht jedenfalls gar nicht. Und auch andere Begriffe der Migrationsdebatte sind historisch belastet.

          Beim Wort „Transit“ fällt uns (Generation Ford) zuerst immer noch dieser taubenblaue Lieferwagen ein, mit dem der Metzger die Wiener Würstchen und die Semmeln brachte, die der Hausmeister dann in der großen Pause für eins zwanzig verkaufte, als wir noch deutsches Kleingeld hatten und nicht schon französisches.

          Zu jener Zeit gab es noch die Transitautobahnen durch die DDR nach West-Berlin, auf denen im Ford Transit nicht bloß Würstchen und andere Güter transportiert wurden, sondern auch Menschen, nicht selten auch unerlaubte, die aber immer nur in Richtung Westen. Und natürlich lässt das Triggerwort „Transit“ jedes Mal wieder den Satz unseres Lateinlehrers ablaufen, den er vorzugsweise sagte, wenn abermals einer an der Tafel beim Ablativus absolutus absolut versagte: Sic transit gloria mundi – so vergeht der Ruhm der Welt.

          Kein Ruhmesblatt

          Die Wiedergeburt des Transits in verschiedenen Wortkombinationen – Transitzentren, Transitzonen, Transitlager und so weiter – rief daher nicht nur bei der SPD zwiespältige Gefühle hervor, sondern auch bei uns. Das hätten wir wirklich nicht auch noch gebraucht. Schon der Nahkampf zwischen Merkel und Seehofer nach dem Motto „Dulce et decorum est pro patria mori“ (auf Deutsch in etwa: Immer feste auf die Nuss, und wenn ich dafür zurücktreten muss) hatte jegliche Restfreude an der Politik erlöschen lassen. Ein Ruhmesblatt war das wirklich nicht. Was hätte da also noch vergehen sollen?

          Wie dem auch sei: Geschlossene Anstalten, die man jedenfalls in Berlin und München ganz gut hätte gebrauchen können, waren mit der SPD nicht zu machen, weswegen die Koalition sich nun auf ein „Transitverfahren“ geeinigt hat. „Transferverfahren“ konnte nicht genommen werden, weil das zu sehr nach Transferunion geklungen hätte, und dann hätte man den Asylkompromiss auch gleich „Schuldenerlass für Italien“ nennen können. Zunächst muss nun aber dringend ein neuer Name für die „Achse der Willigen“ gefunden werden, denn das Verhältnis der Achsenmächte Bayern, Österreich und Italien ist ja nur noch unwesentlich besser als das ihrer Vorgänger Ende 43.

          Jetzt fällt uns endlich auch ein, woran uns die „regionalen Ausschiffungsplattformen“ erinnern, mit deren Hilfe die EU der illegalen Migration über das Mittelmeer Herr werden will: an die Sammelplätze für die alliierten Invasionstruppen. Damals setzten ganze Armeen von Algerien und Tunesien über nach Sizilien und aufs italienische Festland. Also auch hier nicht wirklich eine glückliche, unbelastete Wortwahl. Man hört förmlich schon, wie Gauland im Keller vor sich hin kichert.

          Gibt es denn wirklich keine Begriffe für Flüchtlingseinrichtungen, die nicht an Honecker und die Zone oder gar Hitler und Mussolini erinnern? Wie wäre es mit „Annalenas Wellnessoase“ oder „Club Merkelterranée“? Wer nicht so viel Wert auf Pullfaktoren legt, könnte die Auffangeinrichtungen auch „Orbáns Orkus“ nennen oder „Weidels Bootcamp“. Aber wie soll es da eine Einigung geben in der EU, in der großen Koalition, und, am schwierigsten von allen, zwischen CDU und CSU? Das steht in der Sternen.

          In der Endphase der himmlischen Karriere

          Apropos: In der Astronomie bezeichnet man mit „Transit“ den Vorbeizug eines Himmelskörpers vor einem größeren – also wenn zum Beispiel ein Planet, nennen wir ihn HS 2, vor seiner Sonne (AM 4) vorbeizieht und sie dabei verdunkelt, nur geringfügig zwar, aber jedes Mal wieder. Dank dieser Wirkung hat man schon ziemlich schräge Exoplaneten entdeckt, denen man übrigens auch dank des „Wackeleffekts“ (der heißt wirklich so) auf die Spur kommen kann. Auf diese Weise werden vor allem heiße Gasriesen auf engen Umlaufbahnen um ihren Stern gefunden, die durchaus damit hadern können, nicht selbst zum Zentralgestirn des Systems geworden zu sein, dem alten Versprechen „Per aspera ad astra“ zum Trotz.

          Zwischen solchen Himmelskörpern gibt es interessante Gravitationsbeziehungen, die dramatische Züge annehmen können, wenn beide in der Endphase ihrer himmlischen Karriere sind und die Sonne sich zu einer roten Riesin aufbläht. Bis zu diesem Tag der ultimativen Abrechnung bleibt der wiederkehrend verschatteten Sonne der Trost: Transit umbra – manent opera.

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