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Halb zog sie ihn, halb sank er hin: Aber nicht mit Merkel! Bild: Wilhelm Busch

Fraktur : Turteln mit Trump

Sex in der Politik: Warum wir die Kanzlerin dann doch umarmen müssen.

          Vor diesem Thema haben wir uns lange gedrückt, aber nun hat einer den anderen so fest geherzt, dass wir beim besten Willen nicht mehr um ihn herumkommen, den Sex in der Politik. Natürlich wollen wir uns auch jetzt nicht mit diesen kleinen schlüpfrigen Geschichten auf Schreibtischen im Deutschen Bundestag bei offenen Jalousien beschäftigen oder mit Wolfgang Kubickis einst so glaubhaft vorgebrachter Beteuerung, nicht in die Bundespolitik zu wechseln („Ich würde in Berlin zum Trinker werden, vielleicht auch zum Hurenbock.“) – obwohl ja auch immer noch ungeklärt ist, warum Edmund Stoiber damals, als es ernst wurde, mitten in der Nacht aus der Hauptstadt zurück nach München floh. Sollte tatsächlich einmal einen CSUler und einen FDP-Mann dieselbe Angst geplagt haben?

          Uns beschäftigt die viel größere Frage, welchen Einfluss intime körperliche Beziehungen auf den Gang der Weltgeschichte nehmen können. Früher spielten diese eine enorme Rolle. Das immerhin damals glückliche Österreich eroberte bekanntermaßen im Bett mehr Ländereien als auf den noch gefährlicheren Schlachtfeldern, auf denen es alles wieder verlor. Auch die Franzosen sind mit dem Motto make love, not war so gut gefahren, dass die gerade gesehene Liebesoffensive ihres Präsidenten in Washington eigentlich niemanden überraschen konnte. Nur Trump wusste bei der Küsserei ganz offensichtlich nicht mehr, ob er Männlein oder Weiblein ist. Halb zog er ihn, halb sank er hin: Trump war aufgrund dieses vermutlich erstmals als Opfer erlebten sexuellen Übergriffs so verwirrt, dass er Macron an der Hand nahm und ihn abschleppte wie ein junges Mädchen. Tja, die Macht der Gewohnheit; und dann heißt Macron ja auch noch ausgerechnet Emmanuelle. Wären da nicht die beiden First Ladies gewesen, deren High-Heels-Wettrüsten sofort gestoppt werden musste – wer weiß, wo Trump und Macron gelandet wären. Zum Äußersten scheint es nach der Bussibussi-Nummer aber nicht gekommen zu sein, auch wenn Trump danach Macron liebevoll ein paar Fusseln von der Schulter wischte, bevor er ihm sein (rotes!) Telefon erklärte. Was hat Melania denn da für einen Teppich in diesem Sündenpfuhl verlegen lassen, den schon Bill Clinton in Oral Office umbenannte? Einen Flokati?

          Wie dem auch sei, die zentrale Frage lautet doch: Kann „safer sex“ auch „safer world“ bedeuten? Oder braucht es dafür schon etwas mehr als die gehauchten Küsschen von Trump und Macron, also etwa das ernsthafte „French Kissing“, das Breschnew und Honecker unter solchem Zungeneinsatz praktizierten, dass selbst einem Hardcore-Politikdarsteller wie Trump die Spucke wegbleiben muss?

          Leider kann uns auch der deutlich kältere Folgebesuch der Kanzlerin in Washington darauf keine Antwort liefern, denn für Merkel ist – und für keine ihrer Haltungen haben wir mehr Verständnis als für diese – die ganze Betatscherei unter Politikern ein Graus. Man sieht förmlich, dass sie sogar noch lieber Putins Hund streicheln würde. Wo aber bleibt die Me-too-Bewegung, die der Kanzlerin hilft, die Trumps und Macrons dieser Welt auf Distanz zu halten?

          Im Wissen, was Merkel damit abverlangt worden wäre, haben wir uns trotzdem überlegt, welchen Gang die deutsche Geschichte wohl genommen hätte, hätte die Kanzlerin in jener dramatischen Nacht unter dem sternenklaren Himmel von Jamaika dem schwankenden Christian Lindner ein Bützchen auf das Dreitagebärtchen gedrückt. (Auch Seehofer hätte, siehe nun Macron, diese schwere Aufgabe übernehmen und sich, anders als Merkel, hinterher bekreuzigen können.) Schulz wäre dann wahrscheinlich noch SPD-Vorsitzender und Macron hätte vor Trump noch den deutschen Außenminister Lindner geknutscht, um ihn davon zu überzeugen, dass die EU noch viel mehr Liebe und Umverteilung brauche. Kubicki wäre vielleicht, auch um doch noch der westlichen Dekadenz in Berlin zu entkommen, als Lindners Emissär und letzte Hoffnung der deutschen Exportwirtschaft nach Moskau gereist, um Putin endlich persönlich die Füße zu küssen.

          So gesehen müssen wir die Kanzlerin dann doch dafür umarmen (natürlich nur im Geiste!), dass sie Lindner damals kusslos ziehen ließ. Und selbst Macron kann ja nicht behaupten, dass ihm die Turtelei mit Trump viel eingebracht hätte, abgesehen vielleicht vom Argwohn seiner Ehefrau.

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