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Fraktur : Stellvertreterkriege

Bloß kein Öl ins Feuer gießen: Wo die Germania doch einmal ganz friedlich schlummert. Bild: Wilhelm Busch

Die Linkspartei will Putin vor Provokationen schützen. Doch Obacht, da gibt es auch noch Obama.

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          Das schöne Lied „Happy days are here again“ können derzeit höchstens Nato-Generäle singen. Und natürlich Putins Marschälle, wenn auch nur auf Russisch. Wir Zivilisten jedoch müssen den Zeiten nachtrauern, als ausschließlich um verloren geglaubte Gebiete des Sozialstaats gekämpft wurde. Und als man unter Stellvertreterkriegen das Geplänkel zwischen Koch und Rüttgers oder Söder und Aigner verstand. Seit Putin aber Clausewitz gelesen hat (offenkundig in einer ganz schlechten Übersetzung), bleiben uns die Kriegsmetaphern und -vergleiche im Halse stecken wie die russischen Radpanzer in den Sümpfen der Ukraine. Das ist auch gut so, denn wir wollen schließlich kein Öl ins Feuer gießen. Und auch nicht mit dem Säbel rasseln. Wo die Germania doch endlich einmal ganz friedlich vor sich hin schlummert.

          Zum Glück gibt es wenigstens eine Partei in Deutschland, die mit Schild und Schwert diesen Schlaf bewacht. (Das darf man auch heute noch sagen, weil dieser Sprachgebrauch schon in der antimilitaristischen DDR üblich war.) Eine Partei, die selbst Abweichlern in den eigenen Reihen eins zwischen die Hörner gibt, wenn sie, wie ihr Fraktionschef Gysi, plötzlich Waffenlieferanten werden wollen. Da hat es wirklich an historischer Sensibilität gefehlt. Doch brachte die Partei ihn schnell wieder auf Linie (weswegen die Überwachung durch den Verfassungsschutz auch wirklich überflüssig ist). Das war nicht schwer, denn schließlich zeichnen sich Organisationen, die über reichhaltige Erfahrungen im Umgang mit dem Tschekismus verfügen, durch eine einzigartige Kombination aus Festigkeit in den Überzeugungen und taktischer Flexibilität aus. Weshalb auch niemand in Deutschland Putin so gut versteht wie die Linkspartei.

          Sie muss freilich aufpassen, dass sie mit ihren Bemühungen, Putin vor Provokationen aller Art zu bewahren, nicht Obama zu einem (Atom-?)Schlag gegen uns verleitet. Die Amerikaner, das wissen wir aus Zuschriften unserer Leser, sind schließlich zu allem fähig – nur nicht dazu, Donezk, Danzig und Dortmund auseinander zu halten. Deshalb bitten wir unsere anonymen Briefeschreiber auf diesem Wege, einmal zu überlegen, ob ihnen nicht noch etwas anderes als diese ohnehin schon langweilig werdenden Goebbels- und „Stürmer“-Vergleiche einfällt. Dass Putin nicht in Kiew haltmacht, sondern gleich auch noch Frankfurt von den Resten des Faschismus befreit, wäre den uns schreibenden Nazi-Spezialisten natürlich sehr recht. Aber Obacht: Auch der weit größere Imperialist, also Obama, könnte auf die Idee kommen, sich unter dem Vorwand einer antifaschistischen Operation (die NSA liest die E-Mails an uns ja mit) endlich einmal um die Putin-Versteher in Deutschland zu kümmern. Wir sind uns doch hoffentlich wenigstens darin einig, dass wir ihm das nicht zu leicht machen sollten.

          Und noch eine Anmerkung zum „militärischen Ton“, den die Linkspartei-Vorsitzende dem Bundespräsidenten vorwirft; eine „richtige Kriegsandrohung“ sei das auf der Westerplatte gewesen. Gemach, gemach, möchte man da Frau Kipping zurufen, nicht ganz so bellizistisch: Sie sind doch nicht die Stellvertreterin Stalins auf Erden! In diesem Ton reden evangelische Pfarrer, jedenfalls die Pastoren alter Schule, jeden Sonntag in der Kirche mit ihrer Gemeinde. Aber woher soll das eine gute Kommunistin auch wissen?

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