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Fraktur : Schwurbelei statt klarer Worte

Noch balzt der Sachsenhahn ohne Selbstbewusstseinsbremse. Doch das Huhn droht auszusterben. Bild: Juniors Wildlife

Die Zukunft ist auch eine Frage korrekter Wortwahl. Stattdessen wird verschleiert, was das Zeug hält. Wir leben inmitten von Ungetümen.

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          Schwere Zeiten erfordern kühnes Handeln. Für das Reden gilt das eher nicht, werden wir doch, je ärger die Lage ist, vermehrt mit Dramatik verschleiernden Wortungetümen belästigt. Das geht schon los mit der Spritpreisbremse, die wir kurzzeitig für ein neu entdecktes, lästiges Insekt hielten. Schnell wurde jedoch klar, dass besagte Bremse die Preise in immer neue Höhen schnellen ließ. Hätte Christian Lindner sie mal lieber gleich Tankturbo getauft, wäre ihm viel Ärger erspart geblieben. Zunehmend verwirrt reagierte darauf diese Woche auch Lindners thüringischer Parteifreund, Blitz-Ministerpräsident Thomas Kemmerich. „Das permanente Rauf und Runter hat mit einer marktwirtschaftlichen Preisbildung nichts zu tun!“, schimpfte er in der Zeitung „Thüringer Allgemeine“ und forderte „mehr Fairness und Transparenz“ an der Tankstelle.

          Stefan Locke
          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Blasenfrei zapfen gibt’s (anders als blasenfrei sprechen) zwar schon länger, doch Kemmerich will künftig wie in Österreich nur einmal täglich eine Spritpreissteigerung erlauben, sonst kommt er durcheinander, und überhaupt: Das werde den Wettbewerb „ganz gewiss nicht“ aushebeln. Nein, denn Wettbewerb wird überbewertet, seit die FDP an der Regierung ist.

          Regen Sie sich bloß nicht auf!

          Falls Sie jetzt sagen: Was interessiert mich der Spritpreis, ich tanke immer nur für 50 Euro, waren Sie ganz offensichtlich in Deutschland in der Schule. Statt Wirtschaft zu lernen, gehen wir lieber in eine solche und lassen uns dort (Sonderangebot!) zwei Helle zum Preis von drei servieren. So eingestimmt hören wir dann Politiker, die neuerdings häufig von Zukunftsinvestitionen schwärmen. Das Bundesinnenministerium hat sogar ein ganzes Zukunftsinvestitionsprogramm aufgelegt, genauso wie die Deutsche Bahn. Wir dachten bisher, dass Investitionen stets der Zukunft dienen, aber das war natürlich dumm von uns. Man wird doch wohl noch Geld in die Vergangenheit stecken dürfen! Wie zum Beispiel die Bahn, die seit 20 Jahren in die Strecke von Berlin nach Dresden zukunftsinvestiert, um am Ende (circa 2030) eine Fahrzeit zu ermöglichen, die 1930 schon die Dampflok schaffte.

          Sollte Ihnen das ganze Wortgeklingel auf die Nerven gehen, rufen Sie bloß keinen Arzt! Unsere Krankenkassen stehen nämlich wieder mal kurz vor dem Exitus. Die Lage ist so ernst, dass jetzt ein erster Kassenchef vor einem, Achtung, Beitragstsunami warnte. Mutmaßlich war der Mann so durch den Wind, weil er von einer Welle eigenwerbender Luftballons, Kulis und Sitzkissen überrollt zu werden drohte, mit der die Kassen unsere Beiträge in ihre Zukunft investieren, damit wir die immensen Unterschiede zwischen ihnen auch bemerken. Aber bitte jetzt nicht aufregen! Nehmen Sie erst mal ein, zwei Globuli, die gibt’s auf Rezept. Wirklich wirksame Medikamente dagegen bitte nur gegen Selbstzahlung.

          Ein Politiker ohne Selbstbewusstseinsbremse

          Am besten, wir greifen im Fall des Falles auf bewährte Hausmittel zurück, zum Beispiel Hühnersuppe. Nur lauert da schon der nächste Schock. Das Sachsenhuhn, einst robuste Stütze des regionalen Nährstands, ist vom Aussterben bedroht. Das wiederum hat es mit den Sachsen gemeinsam, die – gerade erst statistikamtlich bestätigt – ebenfalls von Jahr zu Jahr weniger werden. Womöglich liegt es daran, dass beide, also Sachse und Sachsenhuhn, in Symbiose leben und (sich) so gut wie jeden Tag ein Ei legen.

          Womit wir bei der Linkspartei wären, jener ebenfalls stark von sich selbst bedrohten Minderheit, die sich an diesem Wochenende in Erfurt trifft. Dort beansprucht unbeeindruckt von seiner Partei Bodo Ramelow die Führungsmacht. Er wolle, vertraute er jüngst dem „Spiegel“ an, „die Bundesrepublik verändern“. Und Veränderung, weiß der Politiker ohne Selbstbewusstseinsbremse, beginnt nicht mit sperrigen Begriffen, sondern mit klaren Worten. So wie diese Woche, als Ramelow in seiner Eigenschaft als Bundesratspräsident Belgien besuchte. Bei der Zusammenfassung der Ereignisse auf seinen Social-Media-Kanälen ging dann allerdings das „rats“ verloren, sodass die Welt über die „Reise des Bundespräsidenten Bodo Ramelow nach Belgien“ informiert wurde. Der vermeintliche Fortschritt sagt dazu: Wenn es im Internet steht, muss es stimmen.

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