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Fraktur : Herkunft ganz genau genommen

„Dümmlich“: Weidel, Brandner, Gauland Bild: EPA

Handke hat uns gelehrt, dass Herkunft viel weiter als bloß national gedacht werden muss – sonst kommen die deutschen IS-Kämpfer tatsächlich noch hierher.

          2 Min.

          Über die Vergabe des Literaturnobelpreises an Peter Handke ist schon sehr viel geschrieben worden. Allerdings blieb eine Sache, die man auch mal lobend hätte hervorheben können, unerwähnt: Wie schön es doch war, dass Handke zu den ihn zum Preis befragenden Journalisten eben nicht gesagt hat: Ich komme aus Österreich, ich komme aus Kärnten, ich komme aus Griffen, sondern: „Ich ...komme von Tolstoi, ich komme von Homer, ich komme von Cervantes.“ Gerade dem Handke-Kritiker Saša Stanišic, der sich in seinem Buch „Herkunft“ sehr differenziert mit dem Konzept des Herkommens auseinandersetzt und dem geistige Abkunft sicher näher ist als nationale oder ethnische, hätte wenigstens das angenehm an Handke auffallen können.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Heute werden Menschen ja ständig danach gefragt und beurteilt, woher sie kommen. Selbst Cotton Eye Joe ging es im Lied der Band Rednex so: „Where did you come from/where did you go/where did you come from/Cotton Eye Joe?“ Gemeint ist dann meistens: Aus welchem Land? Die Gütersloher AfD-Politikerin Alice Weidel hat diese Woche darauf aufmerksam gemacht, dass die Terrorverdächtigen, die im Rhein-Main-Gebiet einen Anschlag geplant haben sollen, zwei Türken und ein „Deutscher“ (sic) mazedonischer Herkunft seien, „von der Presse“ jedoch „Offenbacher“ genannt würden. Mal abgesehen davon, dass das Offenbacherische tatsächlich die Neigung hat, alle anderen Herkunftsmerkmale unterzupflügen wie ein 12-Schar-Pflug einen von Markus Söder persönlich gesäten Blühstreifen und dass die ausländischen Wurzeln der Verdächtigen im von Weidel geposteten Artikel keineswegs verschwiegen wurden, stammt das Zitat „Das sind drei Offenbacher“ nicht „von der Presse“, wie Weidel behauptet, sondern von der Staatsanwaltschaft. Wer also nimmt es mit der Herkunft nicht so genau?

          Im Übrigen: Wer weiß denn, woher die Terrorverdächtigen wirklich kommen? Aus Offenbach oder der Türkei? Von Allah oder von Kollegah? Oder gar von Goethes Faust, den sie bloß falsch verstanden haben, weil in Offenbach der Deutschunterricht ist wie er ist? In jedem Fall muss Herkunft viel weiter als bloß national gedacht werden. Das scheint auch der Bundesregierung langsam aufzugehen. Woher kommen denn die IS-Anhänger, die Erdogan nach Deutschland zurückschicken will? Aus Deutschland? Nicht doch! Die kommen ja wohl aus der Hölle, und die ist von uns nun wirklich so weit weg wie Gütersloh von Überlingen.

          Handke und Weidel in einem Artikel unterzubringen ist ungefähr so, wie Iraner und Iraker in einem Flüchtlingsheim. Aber es gibt doch auch hier Verbindendes. Die zitierte Einlassung Handkes kam aufgrund einer Journalistenfrage zustande, die er offenbar als dumm empfand. Auch Weidel sah sich diese Woche nach der Abwahl Stephan Brandners als Vorsitzender des Rechtsausschusses mit solchen Journalistenfragen konfrontiert, wobei ihre Reaktion auf einen Sprachschatz von Hand-Format schließen ließ: „dumm“, „dümmlich“, „doof“, „dämlich“ nannte sie die Fragen und bestätigte so mit einer schönen Alliteration, was auch im Offenbacher Deutschunterricht vermittelt werden dürfte: Es gibt keine dummen Fragen, es gibt nur dumme Antworten.

          Ihr Parteifreund Brandner, den manche auch „die männliche Anja Fichtel der verbalen Florettfechtkunst“ nennen, behalf sich hingegen mit dem Mittel der Komik, als er die kritische Frage eines männlichen Journalisten per Gegenfrage konterte: „Von welchem Verein sind Sie denn?“ Wieder die Frage nach der Herkunft! Die Antwort gab Brandner, weil er es eh am besten weiß, gleich selbst: „Vom Juristinnenbund wahrscheinlich.“ Das ließ sich als subtiler Kommentar zu der von Finanzminister Olaf Scholz angestoßenen Debatte lesen, ob reinen Männervereinen die Gemeinnützigkeit aberkannt werden soll.

          Die allerlustigsten Gags kommen aber nach wie vor nicht von Brandner, sondern aus der Wirklichkeit. In Bayern gibt es, so hört man, einen kleinen Buben, den die Eltern Alois genannt haben. Angeblich wollten sie so zeigen, dass Mehr von Hierherkommen gar nicht geht. Und wie wird der Bub nun von seinen Freunden gerufen? Ali! So was kommt von so was.

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