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Fraktur : Sonst nimmt der Russe uns nicht mehr ernst

Wo bleibt nur das Gegennarrativ? Wir können Putins Propaganda nicht mehr hören! Bild: Wilhelm Busch

Warum wir unbedingt ein zweitschlagtaugliches Langstreckennarrativ brauchen.

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          Eines muss man Putin und seinen willigen Helfern wirklich lassen: In den Künsten der Propaganda und der Desinformation kann ihnen niemand das Wasser reichen. Auf diesen Feldern ist Russland immer noch Supermacht. Wir Deutschen waren da auch mal nicht schlecht. Mittlerweile schrecken wir aber schon vor den Begriffen zurück. Der eine erinnert uns einfach zu sehr an Goebbels, der andere an Sudel-Ede. Krampfhaft suchte die deutsche Politik daher nach einem anderen Mittel, mit dem sie Putins Propagandaoffensiven kontern könnte. Jetzt hat sie es endlich gefunden: das Narrativ.

          Berthold Kohler
          (bko.), Herausgeber

          Es ist selbstverständlich kein Zufall, dass das Narrativ in diesen närrischen Tagen wiederentdeckt wurde. Denn in den Hochburgen des Narrativs – Veitshöchheim, Mainz, Köln, Düsseldorf und so weiter – laufen die Narren beim Vortragen ihrer Erzählungen gerade zur Höchstform auf. Mit diesen Vollprofis können unsere Politiker natürlich noch nicht ganz mithalten. Aber die Voraussetzungen für Konkurrenzfähigkeit bringen sie mit; das Wort Narrativ setzt sich ja bekanntlich aus Narretei und naiv zusammen. Diese Elemente müssen auch bei der Konstruktion eines Gegennarrativs zur Abwehr von Putins „zerstörerischem Narrativ“ (Ursula von der Leyen) berücksichtigt werden. Zur Sicherung unserer Abschreckungsfähigkeit brauchen wir unbedingt ein zweitschlagtaugliches Langstreckennarrativ, das von Putins Unfugabwehr nicht erfasst werden kann. Sonst nimmt der Russe uns am Ende nicht länger ernst.

          Wie man dann so ein Gegennarrativ am besten einsetzt, könnte sich unsere Verteidigungsministerin bei der Altneihauser Feierwehrkapell’n abschauen, die damit jedes Jahr im Fasching für ein Gleichgewicht des Schreckens zwischen Oberpfälzern und Unterfranken sorgt. Die kulturellen Unterschiede zwischen Deutschen und Russen sind auch nicht viel größer. Seehofer und Söder verfolgen den eskalationsfreudigen Schlagabtausch in Veitshöchheim immer sehr aufmerksam, denn dort können selbst sie sich noch Anregungen holen, wie man mit Schmutzeleien das Publikum zum Toben bringt. Und von den Narren lernen heißt siegen lernen, zumal in diesen irren Zeiten. Von der Leyen ging aber auch in diesem Jahr im Karneval lieber auf die Münchner Sicherheitskonferenz, und zwar abermals als sie selbst. Ob Lawrow von ihrem Kostüm und ihrer Erzählung beeindruckt war und seinem Herrn etwas davon erzählt hat, weiß man nicht. Den Erzählungen von Teilnehmern nach scheint sie jedenfalls noch kein weiblicher Hemingway zu sein. Es wird wohl noch einige Zeit vergehen bis zu dem Tag, an dem Putin vor Angst schlotternd und in Anlehnung an Stalins berühmten Ausspruch fragt: Wie viele Narrative hat die Merkel?

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