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Fraktur : Söder (sic!)

So geht es doch auch. Bild: Getty

Im Tanzen zeigt sich die Qualität der Akteure auch darin, das jeweilige Gegenüber gut aussehen zu lassen. Aber gilt das auch für den Journalismus?

          2 Min.

          Es heißt ja nicht umsonst, er oder sie „lügt wie gedruckt“. Insofern ist es durchaus im Sinne der Wahrheit und jedenfalls kein Problem, wenn Politiker mal nicht druckreif sprechen – außer für Journalisten, die Zeuge ihrer windschiefen Formulierungen werden und daraus einen wetterfesten Text basteln sollen. Im Tanzen zeigt sich die Qualität der Akteure auch darin, das jeweilige Gegenüber gut aussehen zu lassen. Aber gilt das auch für den Journalismus? Oder ist da gerade das Gegenteil richtig?

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Ein wunderbarer Untersuchungsgegenstand ist hier mal wieder Unionspolitiker Markus Söder. Nicht nur, weil er ein Herz fürs Tanzen hat – Anwürfe aus der Partyszene, warum man nicht endlich, Corona hin oder her, die Clubs und damit ein Ventil für die demoralisierte Jugend öffne, konterte der bekennende Club-Fan mit dem Tipp, man möge doch einstweilen mit der eigenen Partnerin tanzen, was manchen Halbstarken in Stuttgart und anderswo zu der erfahrungsgesättigten Replik veranlasste: Woher nehmen, wenn nicht stehlen?

          Söder soll aber auch deshalb im Mittelpunkt dieser Kolumne stehen, weil es nun, da er trotz seiner Demut wohl nicht mehr umhinkann, nicht nur Bayern, sondern auch Deutschland seine Hilfe anzubieten, Zeit ist, ihn, vergleichbar den Durchleuchtungspraktiken im amerikanischen Wahlkampf, noch härter ranzunehmen. Konkret soll es hier um seine Performance in seiner jüngsten Corona-Pressekonferenz gehen. Söder redete frei – das sollte den Beobachter Nachsicht walten lassen. Andererseits wird selbst bei seinen Regierungserklärungen mit Manuskript immer darauf hingewiesen, es gelte „das gesprochene Wort“. Dann doch wohl auch hier.

          Sic? Oder lieber Hilfe bei Rezo suchen?

          Söder also sagte wortwörtlich: „Wir werden in den nächsten Tagen ein Projekt starten mit allen sechs Uniklinikas.“ Und: „Auch wenn die Zahlen in Deutschland halbwegs stabil sind, bis auf einige regionale Ausbrüche abgesehen ...“ Und: „Wir wollen weiter Vorsicht und Umsicht an erster Stelle setzen.“ Alle drei Aussagen sind, wie Sie sicher sofort gemerkt haben, nicht ganz sauber formuliert. Was tun? Wenn man die Sätze originalgetreu zitiert, dann könnte der Leser denken, nicht einmal bei der F.A.Z. werde noch korrektes Deutsch beherrscht – und sich hilfesuchend an Rezo wenden. Man kann dem entgehen, indem man ein „sic!“ für „so gesagt“ hinter das Zitat setzt. Gerade in Bayern macht man sich besonders viele Freunde, wenn man so mit Dialektwörtern verfährt: „Opfelsoft“ (sic!). Aber auch in Restdeutschland hat das Ganze einen petzerhaften Touch. Außerdem hört sich „sic“ wie „sick“ wie „krank“ an, das hat uns auch schon irritiert bei der Lektüre von Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“, da heißt eine der Figuren „Ill“, und das ist in Zeiten von Corona besonders pietätlos.

          Zitiert man die Söder’schen Sätze aber nicht so, das heißt, korrigiert man sie stillschweigend, macht sie vielleicht sogar richtig schön, dann läuft man Gefahr, von Armin Laschet geschnitten zu werden. Will man das? Man hat jedenfalls mehrere Möglichkeiten, aus der Zwickmühle herauszukommen. Man kann die Zitate in indirekte Rede setzen. Die hat den Vor- und Nachteil, dass im Dunkeln bleibt, ob der tatsächliche Wortlaut komplett übernommen wurde. Mehr Klarheit erzeugt man, wenn man zumindest einzelne Wörter als direktes Zitat markiert: „Vorsicht und Umsicht“. Oder: „ein Projekt“. Wie alles im Leben ist auch das nicht unproblematisch. Die Wörter bekommen dadurch eine Bedeutung, die ihnen der Sprecher womöglich gar nicht geben wollte. Oder der Leser bekommt das Gefühl, der Sprecher oder der Schreiber beabsichtigten eine ironische Distanzierung.

          Sollte das tatsächlich der Fall sein, können schon mal doppelte Gänsefüßchen nötig werden: „der ,Sozialdemokrat‘ Sigmar Gabriel“. Im Interview hat sich eingebürgert, dass man bei Ironie hinter die Antwort schreibt: (Lacht.) Oder: (Grinst.) Einen solchen Hinweis könnte man guten Gewissens auch in einem Artikel über Söders Pressekonferenz unterbringen, auch wenn er natürlich gar nicht gelacht oder gegrinst hat, als er etwa sagte: „Es gibt verschiedene Bundesländer, die gehen einen anderen Weg, das respektieren wir sehr, da haben wir auch überhaupt kein Problem, im Gegenteil.“

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