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Fraktur : So a Schase

Was für eine gute Gelegenheit, den Kopf zu verlieren! Bild: Wilhelm Busch

Schon wieder wurde die Chance verpasst, die Krise zu würdigen.

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          Da kriegt man doch die Krise: Abermals ist das Wort des Jahres nicht zum Wort des Jahres gekürt worden. Was für eine verpasste Chance! Es kam nicht einmal unter die zehn Wörter, welche „die öffentliche Diskussion dominiert und ein Jahr wesentlich geprägt haben“, wie die Gesellschaft für deutsche Sprache befand. Welchem Wort aber stünde dieser Ruhm mehr zu als der Krise, und das nicht nur im vergangenen Jahr? Welches Land, welcher Sachverhalt, ja welcher Mensch kommt heutzutage noch ohne sie aus? Der Irak nicht, Syrien nicht, die Ukraine nicht, Griechenland nicht, Polen nicht, Ungarn nicht, Spanien nicht, die EU nicht, die große Koalition nicht, die Schulden nicht, der Euro nicht, das Midlife nicht und auch der Uwe nicht. Sogar der Krisengewinnler des Jahres, dem die Sprachwissenschaftler aus Wiesbaden den ersten Preis zuerkannt haben, also natürlich „Flüchtlinge“, stellt ohne die „Krise“ ja nur die halbe Wahrheit dar.

          Dabei zeigt uns doch gerade die Flüchtlingskrise, wie gut und wichtig Krisen für uns sind. Wir erinnern uns: Wir torkeln immer stärker aus ihnen heraus, als wir in sie hineingeschlittert sind. Denn in jeder Krise, auch diese Erkenntnis verdanken wir unserer Kanzlerin, steckt schließlich eine Chance, die Platz zwei auf der Liste verdient gehabt hätte, noch nie aber auch nur den Hauch von einer Chance bekam, es zu schaffen. („Wir schaffen das“ schaffte es übrigens nur auf Platz zehn.)

          Das kann nur daran liegen, dass „Chance“ etwas schwerer auszusprechen ist als zum Beispiel „Bundeskanzlerin“ (Sieger 2005). Es gab Bundeskanzler, die intonierten das Wort so, dass ihre Zuhörer meinten, es sei die Rede vom längsten Fluss Chinas (Changse). Auch die Interpretation eines anderen berühmten Chanconniers führt immer wieder zu Missverständnissen. Franz Beckenbauer sagt nämlich „Schase“. In seiner zweiten Heimat Österreich versteht man unter „so a Schas“ aber eher das Gegenteil von einer großartigen Gelegenheit. Als München nicht wieder Olympisches Dorf werden wollte und Beckenbauer erschüttert von einer „verpassten Schase“ sprach („Wenn du diese Schase verpasst, dann is es vorbei“), konnten ihm deswegen auch Bewerbungsgegner applaudieren, wenn sie Österreicher waren.

          In der Sache aber hatte er völlig recht: So eine Schase kommt nur alle fünfzig bis siebzig Jahre. Auch bei den Flüchtlingen trifft das zu. Schon seit dem Krieg warten wir wieder auf so eine Gelegenheit. Von nun an bekommen wir sie sogar jedes Jahr geboten. Was täten wir auch in naher Zukunft ohne all die hervorragend ausgebildeten Zahnärzte, Altenpflegerinnen und Bombenbauer aus dem Nahen Osten? Gut, für diese Neubürger mit Mangelberufen müssen wir schon ein bisschen mehr hinlegen als damals, als sich uns für ein paar Millionen endlich einmal wieder die Schase bot, eine Fußball-Weltmeisterschaft auszurichten. (Wären wir nicht so knausrig gewesen, hätten wir sie auch gewinnen dürfen.) Aber für die Milliarden, die wir in unsere Einwanderer investieren, damit auch ihnen die Chance zum Deutschsein vergönnt ist, bekommen wir ja auch weit mehr, nämlich „eine Chance von morgen“ (Merkel).

          Ist das nicht ein herrlich unbestimmtes Heilsversprechen? Nur unverbesserliche Defätisten können in solch feierlichen Momenten fragen: Chance worauf, wofür, wozu? Doch will man das wirklich wissen? Also wir lieber nicht. In Anbetracht der unglaublichen Chancen, die sich uns schon in den vergangenen zwölf Monaten boten, wünschen wir Ihnen sicherheitshalber ein gutes Jahr 2016 ohne allzu viele Möglichkeiten von morgen.

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