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Fraktur : Politik auf Droge

Aufpassen, wozu man greift: Beim Wodka darf derzeit nur die Linkspartei Trost suchen. Bild: Wilhelm Busch

Der reine Horrortrip: Was der Bundestag im Rauschgiftrausch alles anstellen könnte.

          Früher, als Alkohol noch gut gegen Würmer war, nannte man nur die Pülverchen Drogen, die in der Drogerie zu bekommen waren. Das Teufelszeug, das heute unter diesem Namen firmiert, hieß damals Rauschgift. Doch ist das ein kaum noch tragbarer, weil den komplexen Sachverhalt einer Abhängigkeit aus Gründen der Bewusstseinserweiterung verharmlosender Name, wissen wir doch seit Paracelsus, dass alles ein Gift ist, wenn es im Übermaß genossen wird. Und nichts, wenn die Dosis stimmt. Und über die kann man ja reden. Rainhard Fendrich etwa meinte vor drei Jahrzehnten in einem schönen Lied: Mit sechs Vierteln is ma do no net angsoffn, oda?

          Auf heutige Verhältnisse übertragen muss die Frage wohl eher lauten: Mit sechs Gramm Crystal Meth ist man doch noch kein Drogenbaron, nicht wahr? Überhaupt sollten jetzt bitte nicht alle so überrascht tun. Von wegen, Politik sei eine Droge. Mag ja sein, dass manche Alphatiere von Natur aus so high sind wie Schröder damals in der Elefantenrunde nach seiner Wahlniederlage. Oder so „völlig tiefenentspannt“ wie Angela Merkel und Jogi Löw (die sich immer ähnlicher werden, natürlich nur im Geiste). Steinmeier und Steinbrück sind ohnehin immer stoned. Der gemeine Fußsoldat aber muss schauen, wie er zu seinen Glücksmomenten kommt, wenn er es wieder einmal nicht auf die Rednerliste geschafft hat oder von Seehofer zusammengestaucht worden ist. Per „Watwollnse“ Mertesacker kann sich jederzeit in einem Spiel gegen Algerien und bei einem armen Reporter abreagieren. Was aber soll der frustrierte Hinterbänkler tun? Der Kanzlerin vor laufenden Kameras sagen, dass sie keine Ahnung hat, schon gar nicht vom Fußball?

          Doch auch der Griff nach den heimlichen Glücklichmachern ist nicht ganz unproblematisch. Gerade Politiker und andere im Licht der Öffentlichkeit stehende Personen müssen sehr darauf achten, wozu sie greifen. Kommt ja alles raus, wie man sieht, ob mit oder ohne Ampel. Beim Wodka darf derzeit eigentlich nur die Linkspartei Trost suchen. Haschisch dagegen ist für alle tabu, die meinen, nichts sei gut in Afghanistan. Und Crystal Meth muss jeder meiden, der mahnt, wir müssten immer weiter aus unserer Geschichte lernen.

          Denn das Zeug hat eine Vergangenheit, und was für eine. Nämlich unsere. Schuld an der Pervertierung des Hustensafts sind nicht die Vietnamesen im tschechischen Grenzgebiet, sondern wieder wir. Hitlers Blitzkriege sollen halbe Speedkriege gewesen sein, angetrieben von Panzerschokolade und Stuka-Pillen der Marke Pervitin. Göring hätte sich ohne diesen Nachbrenner, den es auch in Pralinenform gab (genau, daher die Wampe), keinen Tag auf den Beinen halten können. Sein Chef ließ es sich angeblich sogar spritzen.

          Und diesen in unschuldigem Weiß daherkommenden, in Wahrheit aber eben dunkelbraunen Stoff sollen sich unsere Parlamentarier reinpfeifen? Das wäre eine ganz neue, nämlich nasale Form der Vergangenheitsbewältigung. Hoffen wir einmal, dass wir hier nicht die Spitze eines Schneebergs sehen. Andererseits hätten wir dann endlich eine Erklärung dafür, warum die Union wie in Trance dem Mindestlohn und der Frührente zustimmte.

          Doch auch das wäre noch nicht das Schlimmste, was die große Koalition im Rauschgiftrausch anstellen könnte – jetzt, wo Drohnen-Uschi das Parlament über den Einsatz ihrer neuen Spielzeuge entscheiden lassen will. Zugedröhnt wie ein Predator im süßlichen Aufwind über einem Hanffeld am Hindukusch könnte der Bundestag je nach Ausgang der WM beschließen, das Fifa-Hauptquartier zu bombardieren oder Sepp Blatter auf Lebenszeit zum Bundespräsidenten zu wählen. Das Hohe Haus könnte, wenn es einmal ganz high ist, auch für unseren Anschluss an Russland stimmen. Oder Obama zum Datenschutzbeauftragten ernennen.

          Wir sehen eigentlich nur einen Ausweg, um einen solchen Horrortrip zu verhindern: einen Drogentest für alle Abgeordneten, vor jeder Abstimmung. Auch wenn das Ergebnis ziemlich ernüchternd sein könnte.

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