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Fraktur : Personenkult in der Pubertät

Ein rechter Sauhaufen: Und der soll sich auf die Lippen beißen? Bild: Wilhelm Busch

Wer braucht denn noch eine Partei, in der man nicht alles sagen darf?

          Es kommt ja doch immer alles wieder: zuletzt das zweiknöpfige Sakko, das wunderschöne Braun aus den Siebzigern und vor allem das Gefühl, dass alles schon einmal da gewesen ist. Zu ihm verhilft dem aufmerksamen Beobachter des Zeitgeschehens derzeit vor allem die AfD. Die muss zwar noch etwas üben, bis ihre Fahneneinmärsche das Niveau erreichen, das sie hierzulande früher einmal hatten. Die AfD ist eben, wie ihr Vorsitzender Gauland zur Entschuldigung anführte, „praktisch noch in der Pubertät“. Und eine Alice Weidel ist keine Leni Riefenstahl. Aber die ersten Versuche der Halbstarken sind schon vielversprechend. Auch die NSDAP war am Anfang ja noch ein rechter Sauhaufen.

          Insofern ist die Kritik von Teilen der AfD am Personenkult, um dessen Förderung Björn Höcke sich mit großer Hingabe und ganzer Leidenschaft kümmert, ein bisschen unfair. Dessen Inszenierungen könnten, selbst wenn nun auch die AfD dem Zeitgeist nachlaufen wollte, gar nicht zeitgemäß sein. Höcke hat zum Üben ja nur auf altes Anschauungsmaterial zurückgreifen können, was er offenbar sehr intensiv tat. Denn selbst der Personenkult um Trump und Putin fällt im Vergleich doch sehr ab. Und auf YouTube sucht man vergeblich nach einem Schulungsvideo „Zeitgemäßer Personenkult leicht gemacht“. Vielleicht sollte Rezo mal was hochladen.

          Auch andere Äußerungen verunklaren jetzt doch etwas das Bild, das wir von der AfD hatten. So sagt Gauland, der Begründer des Eine-Krawatte-reicht-Kults, die AfD sei nicht gegründet worden, um „einen Raum zu schaffen, in dem jeder alles sagen darf“. Wie bitte? Wozu denn sonst? Das ist jetzt ein schwerer Schlag. Da muss man sich, wie die Kanzlerin, erst mal hinsetzen. Systemparteien, die dafür sorgen, dass man nicht mehr alles sagen darf, haben wir schon genug. Die wollte die AfD doch jagen. Haben wir das alles nur geträumt? Oder waren auch folgende Äußerungen Gaulands wieder nur Erfindungen der Lügenpresse? Angeblich hat er früher gesagt: „Wir sind das Sprachrohr von Menschen, die bisher keine Stimme haben (...) oder sich schon lange nicht mehr trauen, eine abweichende Meinung zu äußern.“ Und: „Der Korridor der Meinungsfreiheit muss in Deutschland wieder ausgeweitet werden.“ Und auch noch: „Niemand soll Angst haben müssen, vermeintlich kritische Themen frei und offen ansprechen zu können. Die Meinungsfreiheit ist eine unserer höchsten Errungenschaften ...“.

          Und was sagt Gauland seinen Parteigenossen jetzt? Man müsse sich auch einmal „auf die Lippen beißen“. Also nicht aussprechen, was man denkt. Wie furchtbar ist das denn! Die Meinungsunfreiheit in Deutschland ist offenbar tatsächlich so groß, dass selbst die AfD sich im vorauseilenden Gehorsam einen Maulkorb umhängt. Und wir wären beinahe auf Gauland hereingefallen, als er sagte: „Die AfD ist die Freiheitspartei.“.

          Also, ein ordentlicher Personenkult lässt sich auf solch schwankendem Boden nicht betreiben. Dafür braucht man schon eine unerschütterliche Standfestigkeit wie Höcke. Oder wie die Grünen. Deren festgefügtes Wertegebäude lässt, nach jahrzehntelangen Anlaufschwierigkeiten, jetzt ebenfalls eine Anbetung des Führungspersonals zu, bei der aber natürlich eher Windrädchen aus recycelten Joghurtbechern geschwenkt werden als Fahnenstöcke aus dem Stahl des Führerbunkers.

          Ist es da ein Wunder, dass CDU und SPD so viele Wähler an AfD und Grüne verlieren? Heutzutage, wo fast alles „Kult“ ist, das mal stark, irre, krass, hip oder geil war, brauchen Parteien einfach auch Personen, die man so kultiviert anhimmeln kann wie Robert Habeck und Annalena Baerbock. Das dürfte auch der tiefere Grund dafür sein, dass Emmanuel Macron und Angela Merkel Ursula von der Leyen in die Schlacht im Europäischen Parlament schickten und nicht etwa Peter Altmaier. Der kann zwar ebenfalls sein Essen auf Französisch bestellen, tänzelt aber nicht ganz so schwerelos über das glatte europäische Parkett wie seine Kabinettskollegin. Auch für sie sind jedoch schon Fallstricke gespannt worden. Die siebenfache Mutter wollen die Grünen und die Sozialdemokraten mit jenem Anti-Personenkult aus dem Spiel nehmen, dem bereits Manfred Weber zum Opfer gefallen war. Denn auch Macron wollte natürlich keinen Abgott neben sich haben, um den getanzt wird.

          Wir müssen zugeben, uns angesichts dieser Phänomene beinahe schon einmal gewünscht zu haben, auch ein Chruschtschow käme wieder.

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