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Da raucht der Kopf: Räuchermännlein, neueste Version Bild: dpa

Fraktur : Nach dem siebzehnten Glühwein

Im Erzgebirge lässt man sich die Laune nicht verderben. Dort haben die Leute schon ganz andere Sachen überstanden.

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          Was sind das für grandiose Zeiten, in denen Sachsen im ewigen freistaatlichen Ringen endlich Bayern überholt hat! Dass es jetzt ausgerechnet die Corona-Inzidenz ist, mit der Deutschlands östlichster Freistaat alle anderen Länder in den Schatten stellt – geschenkt. Davon lässt man sich insbesondere im Hotspot Erzgebirge die Laune nicht verderben. In einer Region, in der es nur zwei Jahreszeiten gibt, nämlich Winter und harten Winter, haben die Leute schon ganz andere Sachen überstanden. Am vergangenen Wochenende hieß es deshalb: Party! Heute schütten wir uns zu! Glühwein gab es für alle, die noch den Weg in die Berge schafften, und das war gefühlt halb Sachsen. Der Mundschutz, getragen unterm Kinn, eignete sich hervorragend als Tropfenfänger. Und sogar Christian Drosten war dabei – als neueste Edition eines Räuchermännleins, dessen Kopf raucht, weil, wie sein Schnitzer mitteilte, es doch „komplett daneben“ wäre, wenn der Chefvirologe oral Aerosole verbreitete.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Die Feierlaune trübte dann mal wieder der Westen, in diesem Fall die Firma Haribo, die just in diesen Tagen ankündigte, ihr Zweigwerk im nahen Wilkau-Haßlau zu schließen. Sachsens Regierung reagierte saurer als das gleichnamige Apfelkonfekt und kündigte „sofort“ die Kooperation mit dem Süßigkeitenhersteller. Jahrelang waren mit der Kampagne „So geht sächsisch“ sachsen-weiß-grüne Gummibären über dem Land ausgeschüttet worden. Jetzt lagen die patriotischen Teddy-Tüten wie Atommüll im Keller der Dresdner Staatskanzlei. Die tonnenweisen Vorräte werden nun jedoch nicht verklappt, sondern vorzugsweise und kostenlos an Schülerinnen und Schüler abgegeben, die sich unter der E-Mail-Adresse bleibtdaheeme@sk.sachsen.de melden. Das aber ist mal wieder eine klare Benachteiligung des ländlichen Raums, wo Internet so schwer zu empfangen ist wie einst das Westfernsehen.

          Außerdem: Können die Schüler überhaupt noch schreiben, wenn ständig der Unterricht ausfällt? Sachsens Kultusminister warnte neulich vor einer „verlorenen Generation“, sollten die Schulen abermals schließen. Da werden die Älteren unter uns beipflichten, die einst durchs Abi fielen, weil ihnen beim Diktat unter Fliegeralarm der Füller verrutscht und die Schönschrift futsch war. Der Chef des sächsischen Hotel- und Gaststättenverbandes wiederum ließ sich jetzt mit dem Satz zitieren: „Wir brauchen eine echte Winterhilfe.“ Bevor Sie jetzt mit Altkleidern zur Sammelstelle eilen, wäre zu klären, ob der Mann auch wirklich „echt“ im Sinne von „so wie damals“ meinte und sonntags künftig nur noch Eintopf anbieten will. Lag Armin Laschet also doch nicht so falsch, als er warnte, dieses Jahr könnte das „härteste Weihnachten“ werden, „das die Nachkriegsgenerationen je erlebt haben“? Wir wollen nicht undankbar sein, aber für uns war das härteste Weihnachten, als im Westpaket eine Packung Haribo-Lakritz statt der heißgeliebten Cola-Flaschen zum Vorschein kam.

          Zu den Pflichten eines Kandidaten für den CDU-Vorsitz gehört es selbstverständlich, sich auch zu Weihnachten zu positionieren, weshalb Friedrich Merz liberal-unbürokratisch dekretierte, es gehe den Staat nichts an, wie er Weihnachten feiere. Dazu gibt es freilich unterschiedliche Ansichten. Liefe Weihnachten bei Merz so ab wie, sagen wir, beim fidelen Teil des Fidesz in Brüssel, sähe sich das Ordnungsamt Arnsberg im Sauerland wohl gezwungen, einen Ordnungswidrigkeitsbescheid auszustellen.

          Aber wahrscheinlich feiert Merz auch schon den Advent so ordentlich wie Norbert Röttgen. Der entflammte am Sonntag still und bescheiden daheim die erste Kerze auf dem Adventskranz – und stellte umgehend einen Bildbeweis davon auf Twitter. Dort erkundigten sich User, wo sie einen so kuscheligen Rollkragenpullover wie der Kandidat herbekämen. „Ein Weihnachtsgeschenk aus dem letzten Jahr von meiner Frau“, antwortete Röttgen. Der Mann weiß eben, wie’s geht. Die Umfragewerte für ihn steigen seitdem wie die Corona-Zahlen in Sachsen. Zuvor schon hatte Röttgen ebenfalls via Twitter bekannt, Koalas zu mögen. Haribo nahm daraufhin prompt eine neue Sorte Gummibären ins Sortiment. Ihr Name klingt allerdings, als wäre er nach dem siebzehnten Glühwein im Erzgebirge erfunden worden: „Kolalas“. Na dann: Frohes Fest!

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