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Fraktur : Merkels Mein-Eid

Nicht mehr mein Land: Wer hat die Kanzlerin so aufgebracht? Bild: Wilhelm Busch

Right or wrong, my country? Nicht mit unserer Kanzlerin!

          Heute müssen wir uns mit der Frage „mein oder dein“ beschäftigen, die uns Deutsche ja bereits im Kindergarten brennend interessiert und auch später nicht mehr loslässt. Ausgebuffte Marktteilnehmer wussten diese nationale Schwäche schon immer für ihre Zwecke zu nutzen, von hippen Auktionshäusern („Drei, zwei, eins, meins!“) über bodenständige Banken („Mein Haus, mein Auto, mein Boot!“) bis hin zu den richtig bösen Gesellen („Mein Führer!“). Die ganze deutsche Geschichte ist letztlich ein einziges Ringen darum, was wem gehört, von Schlesien bis zu den Bäuchen unserer Frauen.

          Insofern ist es doch eine überwältigende Liebeserklärung an uns Deutsche, wenn jetzt so viele Migranten aus der ganzen Welt unser Deutschland mit all seinen wunderbaren Eigenheiten auch zu ihrem machen wollen. Doch Schreck, lass nach: Ausgerechnet unsere Kanzlerin zweifelt auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise, ob diese Republik noch ihr Land sei! Schlimmer noch, sie stellt sogar glasklar fest, in welchem Fall sie mit Deutschland durch wäre: Wenn man sich dafür entschuldigen müsse, „in Notsituationen ein freundliches Gesicht (zu) zeigen, dann ist das nicht mehr mein Land“.

          Wow! Das ist mehr als eine Rücktrittsdrohung – das ist die Drohung mit Auswanderung. Zum Glück konnte sie nicht mehr sagen: Dann gehe ich nach drüben. Wer nur hat unsere sanftmütige Kanzlerin so aufgebracht, dass sie gleich am ganzen Land zweifelt? Na gut, Hurra-Patriotismus nach amerikanischem Vorbild („Right or wrong, my country!“) war noch nie ihr Ding. Aber uns mit den ganzen Flüchtlingen sitzenlassen? Meine Güte! Wir müssen schnell den Schuldigen finden, der von der Kanzlerin gefordert hat, sich für ihr Lächeln zu entschuldigen – wo doch für uns alle die Sonne aufgeht, wenn sie, selten genug, eins aufsetzt.

          Das kann eigentlich nur Seehofer gewesen sein. Dabei grinst er selbst die ganze Zeit. Diesmal aber war für Merkel Schluss mit lustig. Mein ist die Rache, sprach die Herrin. Es gebe Situationen, da müsse „entschieden werden“. Sollte heißen: Ich frag doch nicht erst den Seehofer, ob ich lächeln darf. Mein Lächeln gehört mir! Schließlich hat auch Merkel einen Mein-Eid geleistet. Er lautet: „Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen . . .“ Davon, dass man sich von der CSU sagen lassen müsse, mit welchem Gesichtsausdruck das zu geschehen habe, ist in der Eidesformel nirgends die Rede.

          Nee Leute, so können wir nicht mit unserer Kanzlerin umgehen, sonst geht sie uns am Ende noch von der Fahne. Was täten wir dann? Helmut Schmidt reaktivieren? Wulff? Apropos: Der Bundespräsident sollte, einer guten Tradition folgend, am Tag der Deutschen Einheit noch einmal verbindlich feststellen, dass nach fünfundzwanzig Jahren auch Merkel zweifelsfrei zu Deutschland gehört.

          Selbstverständlich wollen auch wir unseren bescheidenen Beitrag zur Besänftigung der Kanzlerin leisten. Wir nehmen alles zurück, was sie erzürnt haben könnte, also die Umbenennung Deutschlands in „Merkels Reich des Lächelns“ und auch das mit der „heiligen Johanna der Flüchtlinge“. Obwohl das gar nicht böse gemeint war. Aber natürlich stimmt, dass Merkel eher eine deutsche Mutter Teresa ist. Und über die macht man ja auch keine Witze. In tätiger Reue, das können wir dem Kanzleramt ebenfalls schon versichern, werden wir uns in den nächsten Frakturen wieder Seehofer vornehmen.

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