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Fraktur : Männer, seid keine Memmen!

An allem schuld: Alte, weiße Männer mit einem alten Sack Bild: Wilhelm Busch

Denn: Weiß ist schön. Und alt werden selbst die Diversen.

          Über Kim Jong-un könnte man – wenn einem nicht die Kanzlerin die Zeilen diktierte, was einer Umfrage zufolge immerhin ein Viertel der Deutschen zu glauben scheint – schreiben, was man wollte, nur eines nicht: dass er keinen eigenen Stil habe. Allein der spektakuläre Mantel, den der große Führer Nordkoreas sich für die Reise nach Wladiwostok hat maßschweißen lassen, unterstreicht, dass er der Karl Lagerfeld der Weltpolitik ist. Und dann erst dieser Zug! Während andere Politiker rast- und würdelos in ihren Jets von einem Termin zum nächsten hetzen (die deutschen nicht, weil das unser Flugpark zuverlässig verhindert), demonstriert Kim Jong-un allergrößte Souveränität im Umgang mit der knappsten Resource eines Staatsmannes, der Zeit. Das nennen wir Entschleunigung. Während das gepanzerte Stahlross, an dem selbst Stalin seine Freude gehabt hätte, gemächlich seinem Ziel entgegenrollt, kann Kim Jong-un in den verschiedenen Themenwaggons tun, was er will: sich einmal wie Donald Trump frisieren lassen, nukleare Ballerspiele spielen oder Verwandte mit der Zimmerflak erschießen. Die Fenster sind ja zugeklebt. Und mit jedem gefahrenen Kilometer baut Kim Jong-un auch noch den Vorsprung aus, der Staatsmann mit dem kleinsten CO2-Abdruck zu sein.

          Allein dieser Aspekt müsste unsere Politiker doch dazu bringen, sich nur noch auf Schienen fortzubewegen. Warum tun sie es dann nicht? Dass in deutschen Zügen nur Ausländer sitzen, wie es die neue Werbekampagne der (Deutschen) Bahn nahelegt, kann schon deswegen nicht der Grund sein, weil es schlicht nicht stimmt; viele Fahrgäste haben allenfalls einen Migrationshintergrund. Sollte die Scheu vor der Bahn daran liegen, dass unsere Politiker dann mitten unterm Volk beziehungsweise der Bevölkerung sitzen müssten, was Kim Jong-un ja nur erlebt, wenn er den Themenwagen „Bad in der Menge“ betritt? Oder an der notorischen Unpünktlichkeit unserer Züge? Den ausgefallenen Klimaanlagen? Den nordkoreanischen Verhältnissen in den Bord-Bistros?

          Wir wissen es nicht, aber das ist ja auch nicht so dringlich. Tübingens grüner Oberbürgermeister Palmer findet in diesem Zusammenhang zurecht zuerst etwas anderes erklärungsbedürftig, nämlich dass „alte, weiße Männer wie ich“ keinen Platz mehr zugewiesen bekämen, in solchen Werbekampagnen wie auch im richtigen Leben nicht. Da ist sie wieder, die sich ausbreitende Angst und Klage der großen und doch einzigen Minderheit in diesem Land, die noch keinen gesetzlich verbrieften Schutz genießt. Sie sieht sich im Gegenteil wachsendem Verfolgungsdruck ausgesetzt, weil sie an allen Ungerechtigkeiten auf der Welt schuld sein soll, vom Sündenfall bis zum Elfmeter für Bayern (in letzterem Falle ist das auch nicht zu bestreiten).

          Doch was soll das Gejaule? Alte, weiße Männer, seid doch keine Memmen! Kämpft für euren Platz in der Bahn! Ihr seid doch nicht in den Stellwerken des Lebens an die Schaltstellen der Macht gekommen, weil ihr Heulsusen gewesen wärt. Ihr werdet euch doch jetzt, wo ihr die Früchte eines über Jahrhunderte geführten Kampfes genießen könnt, nicht von ein paar Feministinnen den Schneid abkaufen lassen. White is beautiful! Habt ihr schon vergessen, was der Name „Tarzan“ – immer noch am besten gespielt von Johnny Weißmüller – in unserer Sprache bedeutet? Weiße Haut.

          Und alt werden sowieso alle, ob Männlein, Weiblein oder Diverslein. Das können auch jene Geheimbünde (noch) nicht verhindern, denen der erwähnten Umfrage nach jeder zweite Deutsche großen Einfluss auf die politischen Entscheidungen dieses Landes zumisst. Etwas muss dran sein an dieser Verschwörungstheorie, wenn man zum Beispiel bedenkt, dass schon wieder eine weiße Frau (als alter, weißer Mann erwähnt man das Alter von Damen nicht) Vorsitzende der CDU geworden ist und sehr wahrscheinlich auch zur nächsten Bundeskanzlerin gewählt werden wird. Und das, obwohl ein Paradeexemplar des alten, weißen Mannes gegen sie antrat und auf dem Parteitag in Hamburg ganz viele alte, weiße Säcke stimmberechtigt waren. Aber die haben ja auch den Jungspund Ziemiak zum Generalsekretär gewählt und damit die Fortgeltung der alten Erkenntnis unterstrichen: Alter schützt vor Torheit nicht – was wirklich ein Problem darstellt, weil die Alten nicht nur immer mehr, sondern auch immer jünger werden. Boris Palmer, der jetzt auch noch um seinen Platz in der Partei der jungen, grünen Frauen bangen muss, ist jedenfalls erst 46.

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