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Fraktur : Mächtig auf den Wecker

Schlaf der Selbstgerechten: Zwei Volksparteien kurz nach einem Weckruf Bild: Wilhelm Busch

Was hilft ein Weckruf, wenn die Parteien danach doch gleich wieder pennen?

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          Wer einmal aus dem Blechnapf fraß, wird nie den freundlichen Weckruf des Unteroffiziers vom Dienst vergessen, der den Soldaten an jedem neuen Morgen mit sanfter Stimme ins Ohr flüsterte: Kompanie, aufstehen! Dann wusste der Wehrdienstleistende, dass er wieder einen ganzen Tag lang die freiheitlich-demokratische Grundordnung verteidigen durfte gegen die bolschewistische Gefahr aus dem Osten (Originalton StUffz G.), die, so hoffte man damals (denn der Russe ist, wie allein die Tierliebe Putins beweist, ja kein Unmensch), wenigstens nicht zu nachtschlafender Zeit über Deutschland herfallen würde.

          Schon seinerzeit bestritten allenfalls die Grünen, dass man zur Verteidigung des Vaterlandes gegen alle möglichen Gefahren hellwach sein muss. Jetzt fordern das sogar die Opas von der Apo, was wahrscheinlich an der senilen Bettflucht liegt. Überall in der Republik heißt es nun, man dürfe den Weckruf nicht überhören. Ja, so möchte man mit Loriot fragen, welcher Feldwebel ruft denn da? Und wo? Wer ist der einsame Rufer in der Wüste, der das deutsche Dornröschen wecken will, weil nicht der Märchenprinz, sondern der Hofer schon vor den Toren Wiens stand wie weiland der Türke? (Wer weiß, wie weit der noch gekommen wäre, wenn der tapfere Pole ihn nicht damals schon daran gehindert hätte? So aber war es erst ein paar Jahrhunderte später einem Sultan vergönnt, Köln mit eigenen Augen zu sehen, nämlich Erdowahn dem Prächtigen.) Nachdem es Junker Juncker mit seinem Entsatzheer aus lauter aufrechten Demokraten gelungen war, Hofer kurz vor der Hofburg noch aufzuhalten, bekamen die Damen und Herren von SPÖ, ÖVP, CDU und SPD vor Erleichterung einen Weinkrampf. So sind sie eben, die etablierten Parteien. Nicht umsonst heißt es ja: Wer zweimal mit derselben flennt, gehört schon zum Establishment.

          Aber noch mal: Wer ruft so früh durch Nacht und Wind? Um Stoiber kann es sich bei dem Weckrufer nicht handeln, obwohl er unserer Kanzlerin inzwischen doch mächtig auf den Wecker geht. Doch stößt der scheue Stoiber in freier Wildbadkreuthbahn bekanntlich nur einen schrillen Wegruf aus, der etwa so klingt: Weg, weg, die muss weg! Und auch das tut er ausschließlich dann, wenn er ein Bild der Kanzlerin sieht. Mit dem Aushängen von Hofer-Fotos in den oberbayerischen Wäldern hat man dieses Verhalten noch nicht herbeiführen können.

          Sollte dann vielleicht der Muezzin gemeint sein, der uns von seinem Wachturm herab auf eindringliche Weise vor der islamischen Gefahr warnt? Wohl kaum, sonst würde die AfD diesem Rufer nicht den Mund verbieten wollen. Und wer sind eigentlich die Schlafwandler, die wachgerüttelt werden sollen, bevor sie eines Tages die Augen aufschlagen und wieder nicht mehr wissen, wie sich über Nacht alles so hat wandeln können? Wir Bürger? Oder doch die Parteien selbst? Es würde uns nicht überraschen, fielen diese bald wieder in ihren süßen Schlummer zurück, bis sie, der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer, ein neuer Albtraum hochschrecken lässt mit dem Aufschrei: Ein Weckruf! Denn, wir erinnern uns, Alarmschreie hatten die Parteien auch schon nach den letzten drei Landtagswahlen in Deutschland vernommen. Doch nur Tage später schliefen sie wieder den tiefen Schlaf der Selbstgerechten.

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