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Traumpaar: Ein Mann, der erfährt, was seine Frau verdient. Bild: Wilhelm Busch

Fraktur : Kontrolle ist gut, Nichtwissen ist besser

Frankfurts Oberbürgermeister Feldmann scheint ein Anhänger des Marxismus-Feminismus zu sein. Und die Arbeiterwohlfahrt eine Kaderschmiede.

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          Entgegen durchsichtigen Behauptungen ist der Frankfurter Oberbürgermeister gar kein richtiger Linker. Also jedenfalls kein lupenreiner Leninist. Sonst hätte er nicht sagen können, er sei „nicht so der Typ, der Gehaltszettel oder Verträge seiner Frau kontrolliert“. Auch hätte Peter Feldmann dann anderen Männern nicht davon abgeraten, einen solchen Versuch zu unternehmen. Die reine Lehre Lenins verlangt bekanntermaßen unerbittlich die Kontrolle, ganz besonders dann, wenn es um die Verlockungen der Bourgeoisie geht.

          Feldmann aber hielt das Nichtwissen für besser. Er scheint allenfalls ein Anhänger des Marxismus-Feminismus zu sein, jener Weltanschauung, deren Augenmerk vor allem dem sozialen Aufstieg der weiblichen Mitglieder der Arbeiterklasse gilt. Den will offenkundig auch die Frankfurter Arbeiterwohlfahrt (Awo) fördern, bei der die Gattin des SPD-Oberbürgermeisters ein Auskommen fand, das jedenfalls den Vorwurf der Ausbeutung nicht aufkommen lässt.

          Dieser Arbeiterhilfsverein, der inzwischen natürlich auch Arbeiterinnen helfen soll, mauserte sich zu einer Kaderschmiede, die ruckzuck aus roten Mäusen graue Eminenzen mit entsprechenden Einkünften macht. Feldmann selbst durchlief die harte Schule der Awo und weiß daher, wovon er spricht. Gleichwohl musste er sich, bevor er sprach, erst mehrere Tage lang ein Bild von den erfreulichen Nebenerscheinungen der Bilderbuchkarriere seiner Frau machen. Deren auffallend gute Besoldung als Leiterin einer deutsch-türkischen Kindertagesstätte hatte bei bürgerlichen Oppositionspolitikern (die sich möglicherweise Vorwürfe ihrer eigenen Ehefrauen anhören mussten, warum ihnen nicht Ähnliches vergönnt war) den Verdacht aufkommen lassen, zwischen Genossen und Genossinnen herrsche übergroße Solidarität.

          Wegen des Kontrollwahns der Opposition im Frankfurter Römer kam Feldmann nun doch nicht daran vorbei, sich den Vertrag seiner Frau anzuschauen. Dass er selbst der Presse einen Tipp gegeben habe, um endlich Einblick in die Einkommensverhältnisse seiner Gattin zu bekommen, ist nur ein böses Gerücht. Doch selten ein Schaden, dem nicht auch etwas Gutes innewohnt. Denn nun weiß Feldmann endlich, wem dieser hübsche Dienstwagen gehört, der so oft seine Garageneinfahrt blockiert. Bekanntlich reden Frauen nicht so offen über solche Statussymbole wie die geltungssüchtigen Männer. Und wer weiß, am Ende handelt es sich bei der Bonzenkutsche auch noch um einen Diesel! Wie hätte Feldmanns Frau da eines Morgens beim Frühstück fröhlich rufen sollen: Schau mal raus, Schatz, ich hab jetzt auch einen, so wie du!

          Im Grunde war die Ausstattung der Gattin mit einem Dienstwagen, gerade in derart progressiven Kreisen, ein Gebot der Gleichbehandlung. Denn eigentlich ist der Frankfurter Oberbürgermeister ja ebenfalls nichts anderes als der Leiter eines mehrsprachigen Kindergartens. Er regiert die Stadt auch ein bisschen so. Und seine Frau ist, wie ihr beeindruckender Bildungsweg zeigt, mindestens so qualifiziert wie er. Die gescholtene Awo schließlich hat im Falle von Frau Feldmann nur buchstabengetreu ihren Auftrag erfüllt, sich bis hin zur Beschaffung eines geeigneten Fahrzeugs um die Wohlfahrt einer verdienten Arbeiterin zu kümmern.

          Die Feldmanns als SPD-Vorsitzende!

          Je länger man über das Traumpaar Feldmann nachdenkt, desto weniger ist zu verstehen, warum die SPD nicht einfach die Kennedys vom Main zu ihren Vorsitzenden gemacht hat. Die Genossin Zübeyde bringt einen Migrationshintergrund mit und der Genosse Peter eine Gemütsruhe, die selbst noch den Stoiker Scholz wie einen Zappelphilipp aussehen lässt. Doch nun wird Feldmann vorgeworfen, er habe zu lange zur Awo-Affäre geschwiegen. Na was denn! Hätte er vielleicht die Kontrolle verlieren sollen wie der Jonny Uncontrolletti im Weißen Haus, der seine Kritiker „menschlichen Abschaum“ nennt? Oder ausflippen wie der bekiffte Syrer, der kürzlich auf dem Bahnhof in Hannover Polizisten als „Hurensöhne“ beschimpfte?

          Die Bild-Zeitung berichtete darüber unter der Überschrift „Irrationaler Syrer rastet aus“. Diese Meldung hätte sich das Boulevard-Blatt sparen können. Ein ausrastender Irrationaler hat ungefähr so viel Neuigkeitswert wie die Feststellung, dass Awo und SPD sich jederzeit aufeinander verlassen können, jedenfalls in Frankfurt.

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