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Herbe Enttäuschung für Trump: Auch wir waren in der Normandie nicht sehr hilfreich. Bild: Wilhelm Busch

Fraktur : Kein Tabu für Trump

Anders als die Kurden waren wir Deutsche in der Normandie dabei. Aber auch wir könnten dafür noch büßen.

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          Es ist ja nicht so, dass wir der armen SPD dieses Glück nicht gönnen würden. Aber festhalten kann man schon, was für einen Dusel sie hat, dass nun so Dussel wie Trump, Johnson und Erdogan alle Blicke vom sozialdemokratischen Kandidatenwanderzirkus abziehen. Total unterirdisch sind die Genossen Kandidatinnen und Kandidaten allerdings auch nicht. Jede und jeder von ihnen wäre uns im Weißen Haus zehnmal lieber als der amtierende Präsident, selbst Ralf Stegner.

          Denn bei Donald Trump muss man sich jetzt doch langsam fragen, ob er wirklich noch alle Tassen im Schrank hat – oder plötzlich zu einem Meister der Ironie geworden ist, was allerdings ein gewisses Maß an Intelligenz voraussetzte und zudem realpolitisch betrachtet nicht ungefährlich wäre. Als Ronald Reagan bei einer Mikrofonprobe scherzte, in fünf Minuten mit der Bombardierung der Sowjetunion zu beginnen, glaubten ihm das nicht nur seine Fans. Zum Glück gab es damals schon das rote Telefon, sonst wäre auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung längst verdampft.

          Der Ausbruch eines Atomkriegs drohte zwar nicht, als Trump jetzt seinem alten Freund und Handelspartner Erdogan mitteilte, er werde „die türkische Wirtschaft vollständig zerstören und auslöschen“, wenn „die Türkei etwas unternimmt, was ich in meiner großartigen und unvergleichlichen Weisheit für tabu halte“. Denn die Türkei verfügt anders als die damalige Sowjetunion nicht über Wasserstoffbomben – es sei denn, Putin hätte zusammen mit den Luftabwehrraketen gleich auch noch ein paar Nuklearsprengköpfe geliefert, als kleinen Bonus für Erdogan, der ja auch sein Freund ist.

          In der Normandie mussten die Amerikaner noch selbst ran

          Für ein gewisses Maß an Verwirrung dürfte aber auch die Trumpsche Äußerung gesorgt haben. Denn woher soll Erdogan, obwohl ebenfalls mit unvergleichlicher Weisheit ausgestattet, denn wissen, was Trump im jeweiligen Moment für tabu hält? Genaues Nachdenken müsste den türkischen Präsidenten freilich zu dem Schluss gebracht haben, dass Trump ihm damit auch öffentlich einen Freibrief für die Invasion in Syrien ausstellte, wie zuvor schon am Telefon. Denn wer könnte denn einen Beweis dafür vorlegen, dass Trump irgendeinmal in seinem Leben irgendetwas für tabu gehalten hat? Das gelingt doch nicht einmal seinem Parteifreund Mitt Romney, diesem „aufgeblasenen ...“.

          Ein Tabu ist für Trump schließlich nicht einmal der Verrat an Verbündeten. Das erfahren gerade die Kurden, die für die Amerikaner den Kopf hingehalten hatten im Kampf gegen den IS. Aber haben sie – mit unseren schönen G36-Gewehren, die ja nur für den Wüstenkampf ungeeignet sind – auch Stellung im Rosengarten des Weißen Hauses bezogen, jetzt, da Trump sie zur Verteidigung seines Amtes gegen die volksverräterischen Demokraten brauchte? Und wo, zum Teufel, waren die Kurden damals in der Normandie? Da mussten die Amerikaner noch selbst ran. Dass Trump das alles noch präsent hat, ist übrigens auch für uns Deutsche keine gute Nachricht. Denn wir waren bei der Invasion im Sommer 44 auch nicht sehr hilfreich. Wir sollten uns also keinesfalls noch einmal von den Amis auf einen Feldzug in ein Shithole-Country mitnehmen lassen. Denn ehe wir uns versehen, stehen wir dann alleine da, wenn die Türken kommen.

          Doch „endlose sinnlose Kriege“ will Trump sowieso nicht führen, weswegen er schon in Vietnam aus Überzeugung nicht dabei war; das mit dem Fersensporn war bloß erfunden. Lassen seine Anhänger ihn deswegen aber so im Regen stehen wie er die anderen Staatschefs bei den Gedenkfeiern in der Normandie und die Kurden im türkischen Bombenhagel? Nein, denn die Trumpisten finden es ja gut, dass ihm nichts heilig ist.

          Abgesehen davon scheint Trumps Entscheidung, die weitere Betreuung der Kurden den Türken zu überlassen, nur eine unvergleichlich geniale Finte gewesen zu sein, die es ihm ermöglicht, wieder einmal als der größte und glaubwürdigste Dealer aller Zeiten aufzutreten. Seine Erfolge in Nordkorea sind ja schon ein paar Tage her. Und viel Zeit bis zur Vergabe des Friedensnobelpreises war nicht mehr. Den hat nun aber nicht einmal Erdogan erhalten, obwohl der dem Einmarsch in Syrien den Namen „Quelle des Friedens“ gab.

          Dass auch Greta die Auszeichnung nicht bekam, ist dagegen eine herbe Enttäuschung. Schließlich hat sie uns die lange Liste mit Tabus geschenkt, nach der wir uns in dieser so permissiv gewordenen Welt schon lange sehnten.

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