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Kann ebenfalls systemrelevant sein: Kaffee am Tegernsee Bild: www.plainpicture.com

Fraktur : Kaffee am Tegernsee

Das Paradox der Pandemie: Erst, wenn es keine Regeln mehr gibt, werden die Leute sie befolgen.

          2 Min.

          Über die offensichtlichen Gewinner der Corona-Pandemie ist schon viel geschrieben worden: Haustierhändler, Amazon, Viola Priesemann. Es gibt aber auch die Hidden Champions. Einer davon: die Sprachphilosophie. Nie zuvor in der „Nachkriegsgeschichte“ (Söder, Laschet, Merkel) haben sich ganz normale Leute so intensiv mit Begriffen und ihrer Bedeutung beschäftigt wie heute. Was meint zum Beispiel das bisher so eindeutig scheinende Konzept „Einkaufen“, das in Bayern nicht unter die 15-Kilometer-Regel fällt? Wenn man etwa von München aus an den mehr als 15 Kilometer entfernten Tegernsee fährt und dort einen Kaffee nicht nur trinkt, sondern auch kauft, ist das dann noch eine Ausflugs- oder schon eine Einkaufsfahrt? Und ist es ein Unterschied, ob man an den Tegernsee fährt und einen Kaffee trinkt, oder ob man dorthin fährt, um einen Kaffee zu trinken?

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Und was heißt überhaupt 15 Kilometer? Luftlinie? Oder 15 Kilometer Autofahrt? Und von wo an wird gerechnet? Vom Wohnort. Aber was ist ein „Wohnort“? Letzteres hat Berliner Journalisten zuletzt besonders interessiert. Sie witterten ein neuerliches „Desaster“, weil, wer in Berlin wohne, womöglich ganz Berlin für sich als Wohnort habe plus 15 Kilometer Umland, während jemand aus der bayerischen Provinz sich mit seinem Gehöft plus Pampa bescheiden müsse – eine Ansicht, die allerdings den irrigen Glauben voraussetzt, ein Torkeln von Späti zu Späti sei erstrebenswerter als ein Spaziergang in der schneezauberhaften bayerischen Natur. Bundeskanzlerin Angela Merkel antwortete derweil, wie Ludwig Wittgenstein nicht besser hätte antworten können: „Wohnort ist der Wohnort.“

          Der auffälligste Hidden Champion ist das Paradoxon. Die Klassiker hier: Zusammenrücken durch Abstandhalten. Durch Beschränkung Freiheit gewinnen. Wenn der Lockdown zu kurz ist, kann er sehr lang werden. Je niedriger die Infektionszahlen, umso gefährlicher wird es. Je weniger Impfstoff da ist, desto mehr wollen sich plötzlich impfen lassen. Man muss viel wissen, um zu wissen, dass man nichts weiß. Solche vermeintlichen Widersprüche, hinter denen sich eine tiefere Wahrheit verbirgt, waren in der Pandemie überlebenswichtig. Sie werden den Menschen auch weiterhin helfen zu verarbeiten, warum man von Späti zu Späti auch im vollbesetzten Bus fahren darf, von München an den Tegernsee (bei Inzidenz 200 plus) aber nicht einmal allein im SUV, es sei denn, man begibt sich hernach im Supermarkt unter Leute, allein im Wald geht jedenfalls gar nicht.

          So kann es auch nicht verwundern, dass die Sprache der Pandemie auf das ganze Leben ausgegriffen hat: kaum ein Artikel über den verblichenen Diego Maradona, in dem nicht hervorgehoben wurde, wie schwer es doch sei, etwas derart leicht aussehen zu lassen, in seinem Fall das Fußballspielen. In einer Rezension der Karl-Lagerfeld-Biographie unseres Kollegen Alfons Kaiser in der „Neuen Zürcher Zeitung“ hieß es, der Modeschöpfer habe das Rampenlicht gesucht, um sich zu verstecken. Wenn Leute keine Lust haben, sich intensiv mit etwas auseinanderzusetzen, sagen sie sich gern: Je näher man einer Sache kommt, umso weniger sieht man. Oder, in der journalistischen Variante: Je mehr man recherchiert, desto unklarer wird das Bild. Schüler wiederum können, wenn sie keinen Bock auf Hausaufgaben haben, auf Goethe verweisen: „Ich schreibe Dir einen langen Brief, weil ich keine Zeit habe, einen kurzen zu schreiben.“ Dafür müssten sie allerdings ihre Hausaufgaben gemacht haben und Goethe kennen – oder Lichtenberg, Swift oder Pascal, denen das Zitat auch zugeschrieben wird.

          Und was ist jetzt mit dem Kaffee am Tegernsee? Vielleicht sollte es die Bayerische Staatsregierung damit handhaben wie mit dem Begriff systemrelevant. Da gab es zunächst auch Debatten darüber, wer das überhaupt sei und mithin sein Kind in die Notbetreuung geben dürfe. Neuerdings ist systemrelevant, wer sich für systemrelevant hält. Man hört zwar schon von ersten Verwerfungen in Kita-Chatgruppen, warum Madame Sowieso ihren hustenden Luis zu den anderen Kindern schicke, wo doch ihr Nagelstudio eh nicht geöffnet habe. Aber das bleiben sicher Einzelfälle. Um es im Sinne der vulnerabelsten unter allen deutschen Parteien, der FDP, zu sagen: Erst wenn es keine Regeln mehr gibt, werden die Leute sie befolgen.

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