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Fraktur : Journalismus als Charaktertest

Solider als Journalismus? Eine Nachtbar in München Bild: Mauritius

Nie zuvor in der Geschichte wurde der Journalismus so heftig attackiert. Nicht ganz zu Unrecht, stellt hier ein Insider fest.

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          Eigentlich sollte dieser Text mit einem Spitzen-Gag über Christian Lindner beginnen. Aber viele unserer Leser dürften mindestens Mitleid mit ihm und seiner FDP haben – als abhängig beschäftigter Autor hält man sich da also lieber zurück, wenn man nicht Beschwerden beim Chef oder Anzeigenkündigungen von Sportwagenherstellern riskieren möchte. Die geplante Kolumne, in der sicher auch Wolfgang Kubicki und Silvana Koch-Mehrin vorgekommen wären, hätte sich um Physik und ihre Verbindungen zur Politik gedreht. Ein Freund hatte uns schon auf eine Wikipedia-Seite namens „Liste bekannter Physiker in anderen Berufsfeldern“ aufmerksam gemacht (Lafontaine! Brian May! Jean Pütz!), aber das Berufsethos gebietet es, nur über Dinge zu schreiben, von denen man Ahnung hat. Also: nicht Physik, nicht Politik, nicht „Anbaggern“, sondern Journalismus.

          Timo Frasch
          Politischer Korrespondent in München.

          Nie hat sich die Journaille solchen Angriffen ausgesetzt gesehen wie heute. Sie kommen von Putin (Papierpreis!), aus der U-Bahn (Harald Welzer), aus Krimis (es wäre mal eine Doktorarbeit wert, die Darstellung der Presse im „Tatort“ zu problematisieren), ja: aus dem Journalismus selbst. So sagte der Kollege Harald Martenstein im für seine Vertrauenswürdigkeit berühmten „Tichys Einblick“, er glaube nicht, „dass ich in diesem Gewerbe noch mal jemals jemandem vertrauen kann“. Selbst die Eröffnung einer „Nachtbar“ (nicht „Nacktbar“, wie ein Faktencheck ergab) finde er solider, als Journalist zu werden.

          Es gibt, ganz ehrlich, allerlei Grund zum Misstrauen, im Begriff „Journalist“ steckt nicht umsonst das Wort „List“ – wobei es auf Sylt, wie Lindner wissen wird, einen Ort namens List gibt, und der ist eigentlich ganz okay. Aber wir wollen hier gar nicht ablenken, sondern uns der Kritik stellen, auch um den Vorwurf zu entkräften, Journalisten hielten sich selbst für sakrosankt.

          Ein zweiter Vorwurf lautet: Journalisten litten an Selbstüberschätzung. Da ist was dran. So soll es Redakteure von „People-Magazinen“ geben, die hoch verschuldet sind, weil sie sich mental in der Liga der Objekte ihrer Berichterstattung wähnen, der Kontostand da aber nicht Schritt hält. Vorwurf Nummer drei: Es gehe den Journalisten nicht immer nur um die Sache. Auch da gebietet es die Transparenz, sich ehrlich zu machen. Manche Kollegen etwa sollen die Regierenden gerade so hart anpacken, dass diese auf sie aufmerksam werden, aber eben nicht härter, weil sie auf eine Berufung zum Regierungssprecher hoffen, Stichwort Kontostand.

          Vorwurf Nummer vier: moralische Fragwürdigkeit. Auch nicht völlig abwegig. Was glauben Sie, wie viele der Edelfedern, von denen just am 8. September wuchtige Seite-Drei-Geschichten in Druck gegangen sind, den Tag am Boden zerstört beendeten? Viele! Und zwar nicht, weil gerade die Queen gestorben war, sondern weil ihre wuchtigen Seite-Drei-Geschichten wegen der Nachrufe aus dem Blatt flogen. Fragen sollte man auch mal die Freunde oder Partner von Journalisten. Wenn denen am Frühstückstisch ein Spitzen-Gag herausrutscht, steht der kurz darauf mit Sicherheit in der Zeitung, natürlich ohne Nennung des Urhebers, von Tantiemen ganz zu schweigen.

          Die amerikanische Schriftstellerin Joan Didion schrieb: „Schriftsteller liefern immer jemanden ans Messer.“ Als der Schriftsteller Ferdinand von Schirach damit im „SZ-Magazin“ konfrontiert wurde, antwortete er: „Ich fürchte, das gilt eher für den Journalismus. Didion war ja ebenso Journalistin wie Schriftstellerin. Ich erinnere mich, dass sie in einer ihrer großen Reportagen über Los Angeles be­schrieb, wie sie ein vernachlässigtes Baby in einer Drogenwohnung sah und sich, zu ihrem eigenen Entsetzen, darüber freute – ihre Geschichte hatte jetzt ein perfektes Ende.“ Wahrscheinlich wäre es besser gewesen, Didion hätte sich das vernachlässigte Baby für die Reportage einfach ausgedacht, für das Baby zumal. Journalistisch wäre das nicht ganz sauber gewesen, klar, weiß man seit dem Fall Relotius, aber allen recht machen kann man es sowieso nicht.

          Apropos perfektes Ende: Jeder gute Text kehrt da zum Anfang zurück. Daher schließen wir mit dem Schluss der geplanten Physik-Glosse: „Lieber nicht reagieren als falsch.“

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