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Leichtes Spiel mit Trump: So leicht wie auf einem Cello? Bild: Wilhelm Busch

Fraktur : Ist Merkel eine Wurlitzer?

Und spielt Putin mit Trump wie auf einer Geige? Schiefe Phrasen, wohin man nur hört.

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          Mit dem Namen Wurlitzer können wohl nur noch höhere Semester etwas anfangen. Aber das Publikum der AfD weist im Durchschnitt ja durchaus ein etwas reiferes Alter auf und dürfte spätestens, als Jörg Meuthen die Bundeskanzlerin eine „EU-treue Phrasenwurlitzer“ nannte, sich wieder daran erinnert haben, was das Wesen dieser wunderbaren Maschine ausmachte. Dass sie jetzt für den politischen Nahkampf missbraucht wird, hat sie nicht verdient. Für unsere jüngeren Leserinnen und Leser: Die Wurlitzer-Jukebox war so eine Art analoges Spotify, nur dass man sie nicht mit sich in der Hosentasche herumtragen konnte. Aber auch schon die deutsch-amerikanischem Erfindergeist entsprungene Musikschatztruhe spielte die Lieder ab, die man hören wollte, wenn auch nur eine überschaubare Auswahl davon – die aber, bis man keine Münzen mehr hatte oder der Strom ausfiel.

          Das Modell Phrasenmerkel orgelt nach Meuthens Darstellung seit Jahren sogar immer nur eine Platte, die mit dem Titel „Mehr EU!“ Na ja, wir können uns schon noch an einen anderen Schlager erinnern – den Herbsthit „Wir schaffen das!“ Der schaffte es allerdings dann doch nicht, zum Evergreen zu werden. Die Kanzlerin nahm ihn sogar ganz aus ihrem ohnehin schon schmalen Programm.

          Was die Breite des Repertoires angeht, könnte die Kanzlerin sich von anderen Politikern noch etwas abschauen, nicht zuletzt von Meuthen. Allein in der Mitteilung, in der er Merkels Regierungserklärung zur EU geißelte, brachte er gleich mehrere AfD-Ohrwürmer unter, die man von ihm und anderen Sängern seiner Partei schon hundertmal hörte: „die Vollendung der Schuldenunion“, „die EU nach ihrem Totalversagen“, die EU, die versuche, die „Steuerzahler . . . gegen ihren Willen dreist zu schröpfen“, und natürlich auch die „linksideologischen Alpträume aus dem Brüsseler Paralleluniversum“. Ja, so macht das Phrasendreschen Spaß! Variatio delectat. Angesichts dieses beeindruckenden Angebots verdient Meuthen den Ehrentitel „Phrasenwurlitzer“ mindestens so sehr wie Merkel. Nur nicht so bescheiden, Herr Professor!

          Wer kann sich Trump als Violine vorstellen!

          Denn da kann ja selbst der größte Phrasen-Diskjockey unserer Zeit nur mit Mühe mithalten. Selbst Donald Trump legt im Grunde immer nur eine Platte auf: mit der „Hymne auf mich selbst“ in sämtlichen Varianten auf der einen Seite und dem Rap „Er ist ein Lügner, den im Weißen Haus alle hassen“ auf der anderen. Damit meint er wohlgemerkt nicht sich selbst, sondern den jeweiligen ehemaligen Mitarbeiter, der zuletzt gesungen hat, wie es im Oval Office wirklich zugeht.

          Auch im Fall Trump vs. Bolton sieht man, wie tragisch bei den Mächtigen eine Männerfreundschaft verlaufen kann. Immerhin hatte der amerikanische Präsident es rekordverdächtige anderthalb Jahre mit seinem Sicherheitsberater ausgehalten – und der mit ihm. Jetzt nennt Trump Bolton „ein krankes Hündchen“. Außenminister Pompeo hieß Bolton sogar einen „Verräter“. Was Bolton auch wäre, wenn stimmt, was er verraten hat: dass Pompeo ihm während des Treffens von Trump und dessen nordkoreanischem Freund Kim Jong-un einen Zettel zuschob mit den Worten: „Er redet wirklich nur Mist.“ Pompeo hat diese Darstellung noch nicht zurückgewiesen, aber auch noch nicht aufgeklärt, wer seiner Meinung nach nur dummes Zeug sagte – Trump oder der nordkoreanische Diktator.

          Der Kreml dagegen bestritt sogleich, dass der russische Präsident leichtes Spiel mit Trump habe, wie Bolton ebenfalls behauptet („Putin can play Trump like a fiddle“). Das muss nun nichts bedeuten, denn der Kreml bestreitet immer alles. Andererseits ist das aber auch wirklich eine schiefe Phrase: Wer kann sich denn Trump als Violine vorstellen! Dann doch eher noch als das Modell „Bubbler“ von Wurlitzer mit seinen Chromleisten, seinen schreienden Farben und den aufsteigenden Gasblasen. Wobei wir diesen Vergleich gleich wieder zurücknehmen, denn er grenzt ja doch an eine Beleidigung. Für wen sagen wir, wenn Pompeo das Geheimnis gelüftet hat, wer seiner Meinung nach nur Mist redete.

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