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Fraktur : In der Glücksspirale

Auch in der Politik gilt: Glück und Glas, wie leicht bricht das! Bild: Mauritius

Vom Glück der SPD und dem Neid und dem Leid der CDU.

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          So viel Glück! Wer hätte gedacht, dass die Sozialdemokraten das nach Willy Brandt noch einmal erleben dürfen! „Dass ich die SPD glücklich mache, das macht mich glücklich“, gab der neue Genossen-Messias Martin Schulz zu Protokoll, was wiederum die SPD noch glücklicher macht und so weiter, bis in einer nach oben offenen Glücksspirale der Gipfel des Glücks und der Autosuggestion erklommen ist und auf dem Platz vor dem Kanzleramt vorsorglich Hunderttausende, ach was, Millionen enthemmter Anhänger den Sieg der größten politischen Bewegung seit Donald Trump feiern. Was auch deshalb bemerkenswert ist, als Schulz diese beglückenden Worte in Bielefeld sprach (in Bielefeld!), also einer Stadt, die so viel Glück eigentlich gar nicht gewohnt ist. Aber der Endorphin-Rausch der Genossen umfängt gerade sogar erfundene Städte, was dann doch ein Unterschied zu Donald Trump ist, der nicht einmal in echten Städten ein vergleichbares Gefühl erzeugen kann. So sad!

          Oliver Georgi
          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Umso neidischer blicken die Christdemokraten jetzt nach dem neuen Wallfahrtsort Würselen, denn das Glücklichsein haben die Schwarzen längst verlernt. Horst Seehofer war nach der Grundsatzeinigung über Transitzonen für Flüchtlinge im Oktober 2015 zwar „sehr zufrieden“, aber eben nicht glücklich, was bekanntlich selbst in Bayern ein großer Unterschied ist. Überhaupt, „rundum glücklich“ war er zuletzt im September 2008, als Erwin Huber noch CSU-Chef war und Seehofer ihm definitiv nicht nachfolgen wollte, wie er in einem Moment der Unachtsamkeit in einem Interview sagte. Aber das war noch vor der Modellbahn, Frauke Petry und den Flüchtlingen, als die Welt noch einfach (absolute Mehrheit) und die CSU fast noch auf der Höhe von Stoiber war.

          Noch schlimmer sieht es nur noch bei der Kanzlerin aus, deren Glücksindex offenbar umgekehrt proportional zu dem von Schulz ist. Das Glück scheint die Alternativlose a. D. zusammen mit Ronald Pofalla verlassen zu haben. Wo sind sie geblieben, die schönen Momente wie nach dem Wahlsieg 2009, als Merkel dem unabhängigen Sender „CDU.TV“ in schonungsloser Offenheit gestand: „Ich bin, ehrlich gesagt, glücklich, weil wir diesen Regierungswechsel geschafft haben“? Oder, nach ihrer ersten Wahl 2005, als sie auf die Frage einer dänischen Journalistin, ob sie eine glückliche Frau sei, noch in berückender Zartheit antwortete: „Es wäre ganz schlimm, wenn ich jetzt griesgrämig wäre.“

          Aber, ach, die Tage dieses zarten, unschuldigen Glücks sind längst passé. Das deutete sich schon vor der Wahl 2009 an, als Merkel nach dem G-8-Gipfel in Toyako nur noch „verhalten glücklich“ war. Völlig am Boden aber war sie spätestens im März 2016, als sie nach der Blockade der Balkan-Route durch Österreich resigniert erklärte, sie sei „nicht glücklich“. Das brach uns fast das Herz. Auch in der Politik gilt eben: Glück und Glas, wie leicht bricht das!

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