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Fraktur : Immer das arme Karnickel

Kein Kaninchen: Doch auch der Hase bekommt ab und zu eins auf die Nase. Bild: Wilhelm Busch

Zum Wiederkäuen: Warum blickt die Kirche nur so starr auf das Kaninchen?

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          Es ist doch klar, was den Titel „Realsatire der Woche“ verdient: natürlich das Hitler-Selfie des Pegida-Gründers. Ihm steht auch der erste Preis des Wettbewerbs „Knieschuss des Jahres“ zu. Aber muss man mit dem Mann Mitleid haben? Er kann ja jetzt die ganze Woche als Führer-Imitator auftreten, so überzeugend, wie er wirkte.

          Wir wenden uns lieber einer gänzlich unschuldigen Kreatur zu, die kaum noch Fürsprecher hat, nicht einmal mehr den Papst. Schon wieder ist das arme Karnickel das Karnickel! Immer muss es herhalten, wenn fruchtbaren Menschen empfohlen wird, den Auftrag ihres Schöpfers nicht ganz so ernst zu nehmen. Dabei ist dieser Menschenvergleich weit unter der Würde des Tieres, das ganz offensichtlich auch seinen Platz im unergründlichen Plan des Herrn hat. Kein Mensch erreicht die Reproduktionsrate des Nagers, der Katholik nicht und auch der Schwarze nicht, der, wir erinnern uns an die Feststellung einer guten Katholikin, ebenfalls gern schnackselt.

          Hat sich eigentlich mal jemand überlegt, wie das alles auf das Kaninchen wirken muss, das mit solchen Vergleichen auf seine Vermehrungsfreude reduziert wird? Wo dem Karnickel gar nichts anderes übrig bleibt, als dauernd für neue Karnickelkinder zu sorgen. Viele Mähdrescher sind des Hasen Tod. Und doch ist es nicht nur auf der Welt, um für den Fortbestand seiner Art zu sorgen. Auch ein Tiersupermarkt braucht schließlich Quengelware an der Kasse. Und wer, wenn nicht das Karnickel, würde unseren Hund daran erinnern, was der eigentliche Sinn seines Lebens ist? Nein, nein, das Kaninchen ist nicht zu verachten, schon gar nicht in Weißweinsoße.

          Überhaupt fiel, wie so oft, auch dieser Vergleich viel zu pauschal aus. Der Präsident des Zentralverbands Deutscher Rasse-Kaninchenzüchter e.V. wies den Papst darauf hin, dass es nur bei freilebenden Karnickeln zu sexuellen Ausschweifungen komme, die Fortpflanzung bei Zuchtkaninchen dagegen in geordneten Bahnen verlaufe; ein weibliches Tier werde da nur zweimal im Jahr „belegt“. Der Mann war offenbar so empört über die Verunglimpfung des Rassekaninchens als Sexmonster, dass er glatt vergaß, den Papst zur Bundes-Rammlerschau in Ulm einzuladen, wo er hätte sehen können, wie ernst die deutschen Kaninchenzüchter die Sache mit der verantworteten Elternschaft nehmen.

          Doch warum blickt man in kirchlichen Kreisen überhaupt so starr auf das Karnickel, wo man doch denselben Feind hat, die Schlange? Ursache für die seit biblischen Zeiten anhaltende Entfremdung könnte ein Missverständnis sein, das im dritten Buch Mose überliefert wird. Dort heißt es: „Die Kaninchen wiederkäuen wohl, aber sie spalten die Klauen nicht; darum sind sie unrein.“ Zum Glück müssen wenigstens wir Christen nicht jedes Wort wörtlich nehmen, das in unserem heiligen Buch steht. Denn der Mümmelmann mümmelt zwar, käut aber ganz sicher nicht wieder. Das tat nicht einmal das Killerkaninchen in der Artus-Sage (Version Monty Python), das von den Gralsrittern nur mit Hilfe der „Heiligen Handgranate von Antiochia“ zur Strecke gebracht werden konnte.

          Und was lehrt uns (und vielleicht auch den Vatikan) die ganze Affäre, schon Karnickelgate genannt? Uns fällt da eine andere beliebte Redewendung ein: Schuster, bleib bei deinen Leisten! Bevor sich jetzt aber auch noch der Zentralverband der Schuster in Deutschland aufregt: Damit ist ausdrücklich nicht die Leistengegend gemeint.

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