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Fraktur : Im Stahlgetwitter

Den Schützengräben entstiegen: Generation Corona? Bild: Wilhelm Busch

Entsteigt nun eine „Generation Corona“ den heimischen Schützengräben?

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          Wenigstens der polnische Ministerpräsident unterscheidet noch sauber zwischen Krisen und Kriegen. Im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung stellte er fest, dass die mit der Pandemie verbundenen Ereignisse und ihre wirtschaftlichen Folgen „in ihrem Ausmaß viel größer als alle Krisen der vergangenen hundert Jahre“ sind. Den Ersten und den Zweiten Weltkrieg kann er, gerade als Pole, somit unmöglich mitgemeint haben. Doch schlägt die Corona-Krise auch noch den Untergang der Sowjetunion, den Putin zur größten geopolitischen Katastrophe des 20. Jahrhunderts erklärt hatte? Aus polnischer Sicht bestimmt.

          Andere Zeitgenossen glauben aber offenbar noch, die Pandemie sei so etwas wie der dritte Weltkrieg, zwar mit anderen Mitteln, aber doch mit ähnlich gravierenden Folgen wie seine beiden Vorgänger. Schon die Multimilliarden-Marshall-Pläne, die jetzt überall aufgestellt werden, lassen ja nur den Schluss zu, dass die ganze Welt in Schutt und Asche liegt. In dieser „historischen Zeit“ (Annegret Kramp-Karrenbauer) wird nun auch noch von einer „verlorenen Generation“ gesprochen. Als „lost generation“ wurden bisher die jungen Männer bezeichnet, die nach ihren Erlebnissen auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs nicht mehr auf das Gleis einer bürgerlichen Existenz zurückfanden, sondern im besten Fall zu versoffenen Schriftstellern in Paris wurden. Der allerschlechteste Fall endete als Diktator in Berlin, obwohl man gerade dem nicht nachsagen kann, dass nach 1918 nichts mehr aus ihm geworden sei.

          Damit die Geschichte sich nicht wiederholt, sollten wir alles tun, um die Entstehung einer weiteren verlorenen Generation zu vermeiden. Gemeint sind damit die Schüler, die nun nach und nach den Schützengräben ihrer Elternhäuser entsteigen. Dort konnten sich wohl allenfalls so unkonzentriert auf ihr Notabitur vorbereiten wie damals die jungen Soldaten an der Westfront zwischen zwei Angriffswellen. Auch die heutige Jugend war in ihren heimischen Unterständen ja einem Trommelfeuer ausgesetzt, wie es die Welt noch nicht gesehen hatte. Allein die Serien-Salven von Netflix machten selbst hartgesottene TV-Veteranen mürbe. Und dann erst die Giftgaseinsätze in den sozialen Medien!

          Ein ziemlich trockener Stoff

          Wo ist der neue Ernst Jünger, der sich seine Erlebnisse unter dem Titel „Im Stahlgetwitter“ von der Seele schreibt? Der mit allerlei Talenten ausgestattete Donald Trump kann Jünger jedenfalls noch nicht das Wasser reichen, obwohl er gerne schreibt, nun auch noch einen Feldzug gegen Twitter begonnen hat und jedenfalls das Attribut „lost“ verdient. Nein, man wird wohl doch auf die „Next Generation EU“ bauen müssen, der die Kommissionspräsidentin ein 750 Milliarden teueres Denkmal setzen will, abzustottern natürlich von dieser nächsten Generation. Und vielleicht noch ein paar weiteren Generationen. (Deren Benennung muss aber wohl wieder vorne im Alphabet beginnen, denn die Generationen X, Y und Z gibt es ja schon.)

          So eine langgezogene Tilgungsgeschichte ist freilich ein ziemlich trockener Stoff. Wie will man daraus einen Jahrhundertroman machen, noch dazu in den Zeiten der Seuche? Wo doch selbst der neue Hoffnungsträger der Liberalen in Deutschland, Bodo Ramelow, weiter „dringend davor (warnt), wildfremde Menschen zu küssen“. Was übrigens anders als sein grenzenloses Vertrauen in die Eigenverantwortung der Bürger keinen Bruch mit der Geschichte seiner Partei darstellt; Honecker und Breschnew kannten sich ja.

          Gott, was waren das bloß für goldene Jahre, als man, um einen Bestseller zu landen, nur die Erlebnisse der „Generation Golf“ aufschreiben musste! Zum Glück gibt es wenigstens für jene unbeschwerten Zeiten noch reichlich Zeitzeugen. Einer, der alles erlebt hat, vom Zweiten Weltkrieg bis zur größten Krise der vergangenen hundert Jahre, ist mitten in ihr allerdings von uns gegangen: der legendäre Alligator Saturn. Die Panzerechse hatte die Bombennächte in Berlin überstanden und war danach als der „letzte Deutsche in russischer Kriegsgefangenschaft“, wie ihn der „Stern“ einmal nannte, nach Moskau geschafft worden. Dort erging es ihm, wie sein langes Leben zeigte, aber deutlich besser als den anderen Angehörigen der Generation K. Weil Saturn so lange mit grimmigem Blick an den sowjetischen Sieg erinnerte, wird der Alligator nun ausgestopft und ausgestellt. Eine solche Ehre ist in Moskau bisher nur wenigen zuteilgeworden.

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