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Fraktur : Im Rausch

Wo man hinblickt, sind die Genossen gerade völlig enthemmt. Egal, was sie genommen haben: Können wir es auch bekommen? Bild: AFP

Martin Schulz versetzt die SPD in solche Glücksgefühle, dass selbst Rosamunde Pilcher ein Kindergarten dagegen ist. Hat die CDU so etwas mit Angela Merkel je gefühlt?

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          Hätte man nur auf Helene Fischer gehört, wie viel sinnloses Leiden wäre einem erspart geblieben! Denn es war keine Geringere als die große deutsche Schlager-Weise, die das Wunder von Würselen schon vor Jahren so luzide prophezeit hat, dass es einen im Nachhinein regelrecht schaudert vor Wonne: „Atemlos durch die Nacht / Spür’, was Liebe mit uns macht“, singt sie in ihrem unvergessenen Opus und fährt in berückender Klarheit fort: „Wir sind heute ewig, tausend Glücksgefühle / Alles, was ich bin, teil’ ich mit dir!“ Um dann, wieder muss man schlucken, zart hinzuzufügen: „Haut an Haut, ganz berauscht“.

          Oliver Georgi

          Redakteur in der Politik.

          Wer hätte je schöner beschrieben, was die SPD gerade für Martin Schulz empfindet? Denn seit es ihn gibt, ist das Leben der Sozialdemokraten doch wirklich nur noch ein einziger, endloser Rausch der Gefühle, ein Hundert-Prozent-Rausch. Wo man hinblickt, sind die Genossen so enthemmt, dass man ungläubig vor ihnen steht und denkt: Ganz egal, was die genommen haben – kann ich das bitte auch haben?

          Kein Wunder, dass so viel rauschhaftes Glück schon jetzt viele Neider hat und erst recht solche, die aus ihm Kapital schlagen wollen. Was ließe sich dem Volk in diesem Zustand nicht alles andrehen! Doch mindestens eine neue Rosamunde-Pilcher-Serie für das ZDF-Vorabendprogramm („Rausch des Glücks“). Handlung: Ein mittelloser, stark abgemagerter Buchhändler aus der Pampa (Matthias Schweighöfer) kommt nach Cornwall (der Henker weiß, warum, Bedingung des Produzenten) und trifft dort in einem verfallenen Schuppen eine alte Tante (Veronica Ferres), die jede Lebensfreude längst verloren hat und von einem dominanten Fiesling (Sigmar Gabriel als Sigmar Gabriel) als Geisel gehalten wird. Doch wie durch ein Wunder kann Schweighöfer Ferres befreien und flieht mit ihr in eine romantische Hütte auf ein Karnickelfell vor dem Kamin, was plötzlich aber auch der Fiesling toll findet; schwülstige Geigen, heiße Küsse, Sonnenuntergang, Abspann.

          Eine solche Serie würde mindestens in der Union zu einem Blockbuster werden, so sehr verzehrt die sich nach einer endlosen Vernunftehe nach einem prickelnd-berauschenden Glück. Allerdings besteht die Gefahr, dass Horst Seehofer nach der letzten Folge auf der Couch im Kanzleramt Merkels Hand ergreift und fragt: Angela, warum haben wir so etwas mit dir nie gefühlt?

          Der Rausch der anderen ist immer der schönste

          Es ist schon ein Kreuz mit dem Rausch: Je enthemmter er bei anderen ist, desto mehr wird man auf seine eigene Nüchternheit zurückgeworfen, was natürlich wiederum vor allem für die CDU gilt. Denn Rausch und Merkel, das hat noch nie recht zusammengepasst. Das letzte Mal, dass die CDU etwas Vergleichbares erlebte, war bei der Elefantenrunde 2005, aber selbst da war sie ja nur dabei. Von sich selbst berauscht war Schröder.

          Überhaupt müssen die Christlichen Demokraten doch gerade das Gefühl bekommen, dass alle anderen auf der Welt es viel mehr krachen lassen, als sie selbst es je vermöchten. Der Erdogan zum Beispiel: Selbst gute alte Panzerschokolade, in Opiumsud aufgelöst und hernach über mehrere Tage mit psychogenen Pilzen genossen, könnte einen wie Peter Tauber nicht im Entferntesten in so einen Rausch versetzen wie den türkischen Präsidenten, kurz nachdem er nur in sein Spiegelbild geblickt hat. Ganz zu schweigen von Erdogans Alter Ego Donald Trump, dessen dauerberauschten Geistes- und Gemütszustand man sich doch nur damit erklären kann, dass der Alkohol die einzige Droge war, der er abgeschworen hat.

          Kommt doch noch ein Kater?

          Wer aber wollte vom mächtigsten Mann der Welt, von dem unser aller Schicksal abhängt, anderes verlangen, wo doch der romantische Dichter E.T.A. Hoffmann, selbst einer der exzessivsten Weggetretenen der Literaturgeschichte, den Rausch zum unverzichtbaren Mittel für die „Steigerung des geistigen Vermögens“ erklärt hat?

          Wenn man sich allerdings die extremen Verläufe bei Trump und Erdogan so ansieht, ist es vielleicht doch das Beste, einfach nüchtern zu bleiben. Zumal ja auch bei der SPD noch nicht ausgemacht ist, ob auf den Rausch nicht doch schon vor der Zeit ein veritabler Kater folgt.

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