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Fraktur : Heiliger Horst!

Heiligs Blechle: Die Erscheinung der heiligen Angela. Bild: Wilhelm Busch

Anmerkungen zu einer himmelschreienden Ungerechtigkeit, mit der nicht nur Sozialdemokraten leben müssen.

          Es gibt ja vieles, worum die Protestanten die Katholiken beneiden: die Schlagfertigkeit des Papstes, die Regensburger Domspatzen, das Kloster Ettal, die Bischofsresidenz in Limburg und, obwohl das manchem etwas wunderlich vorkommt, natürlich auch die Möglichkeit der Heiligsprechung. Wird Letztere wie demnächst im Falle Mutter Teresas vollzogen, jaulen Protestanten, die auch noch Sozialdemokraten sind, aber regelmäßig auf – wegen himmelschreiender Ungerechtigkeit! Genügen im Schoß der Mutter Kirche schon zwei Wunder, um in den Heiligenstand erhoben zu werden, kann ein Sozi eins nach dem anderen vollbringen, ohne dass sich bei ihm in Sachen sozialer Aufstieg auch nur das Geringste tut.

          Die gute Katholikin Malu Dreyer etwa hat gefühlt hundertmal die Protestantin Angela Merkel für ihre Flüchtlingspolitik gelobt und ist doch nur Ministerpräsidentin geblieben. Sigmar Gabriel führt die SPD seit 2009 – was, wenn man sich die Überlebenszeiten seiner Vorgänger ansieht, ein wirklich großes Wunder ist – von einem finsteren Tal ins nächste (die finstersten hat er jetzt in Sachsen-Anhalt entdeckt), ohne auch nur einmal Kanzlerkandidat geworden zu sein, was allerdings kein wirkliches Wunder darstellt, denn er ist ja nicht blöd.

          Da ist es nur ein schwacher Trost, dass es selbst Christlichen Demokraten nicht einmal dann besser ergeht, wenn sie bayerisch-katholisch sind. Hadschi Horst Seehofer etwa, der brav Monat für Monat nach Berlin in die Kathedrale der Kanzlerin pilgert, um dort dafür zu beten, dass sein Flehen endlich erhört werde und die Herrschaft des Unrechts aufhöre, hat in der Flüchtlingskrise noch kein einziges Mal seine Meinung geändert, obwohl die schon seit Monaten anhält. Für dieses Dauerwunder hätte man ihn wirklich zum heiligen Horst machen können.

          Und auch der Fall Angela Merkel, obschon Pfarrerstochter, müsste noch einmal genau vom Vatikan geprüft werden, wenn sich die engherzige Aufregung über die von ihr gestiftete Willkommenskultur gelegt hat. Ein Wunder ist bereits verbürgt: Merkel ist noch immer CDU-Vorsitzende. Weitere werden nicht ewig auf sich warten lassen. Es tragen ja schon jetzt ganz viele Migranten Merkels Bild vor sich her wie eine Monstranz. Wenn diese Flüchtlinge dank dem Einsatz von deutschen Kardinälen und Erzbischöfen erst einmal voll in die katholische Kirche integriert sind, wird es Berichte über wundersame Heilungen ohne Ende geben.

          Heiligs Blechle, jetzt hätten wir beinahe Winfried Kretschmann vergessen! Er ist ein echtes schwäbisches Wunder. Der könnte sogar noch seinen imposanten Haarschopf in grüne Farbe tunken, und doch würden sich seine Landsleute weiter fragen, warum ein in der Wolle gefärbter CDUler wie er so oft Hannah Arendt zitiert. Das lässt sich leicht beantworten. Die beiden sind einfach ein Herz und eine Seele. Der Landesvater Baden-Württembergs sagte schon vor langer Zeit der gleichnamigen Zeitung: „Ja selbstverständlich glaube ich an Wunder. Man muss nur verstehen, was in der Politik ein Wunder ist. Ich halte es (auch; Anmerkung der Redaktion) da mit Hannah Arendt: Durch die Politik können Dinge geschehen, die niemand erwartet.“

          Wie recht das Paar Arendt-Kretschmann immer noch hat! Die Überraschung mit dem einen oder anderen unerwarteten Ding sollte uns doch die Verleihung des einen oder anderen Heiligenscheins an den einen oder anderen Politiker wert sein. Allerdings müssen wir uns dann in einer der nächsten Frakturen etwas intensiver mit der Frage beschäftigen, was genau Angela Merkel unter einer Scheinlösung versteht

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