https://www.faz.net/-gpf-8kbae

Fraktur : Hände

Mal nicht in der Hosentasche: Diese Hand will an die Macht Bild: Getty

Die Hände unserer Politiker werden kaum wahrgenommen. Dabei sind sie sehr verräterisch.

          2 Min.

          Nur wenige Politiker haben sich der Öffentlichkeit schon einmal in einer Aufmachung präsentiert, die sommerlichen Temperaturen angemessen ist. Der frühere Verteidigungsminister Rudolf Scharping gehört dazu, ihn kennt man noch heute plantschend im Pool auf Mallorca. Ein anderer ist der frühere Reichspräsident Friedrich Ebert, der in der Badehose eine ähnliche Figur abgab wie unsere Schwimmer in Rio. Beiden Politikern ist ihre Freizügigkeit politisch nicht allzu gut bekommen.

          Timo Frasch
          Politischer Korrespondent in München.

          Von den meisten anderen kennt man hingegen nur ihr Gesicht – und ihre aus dem Hemd ragenden Hände. Die des EU-Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker suchen meist Halt auf den Schultern, dem Hinterkopf oder den Wangen von Politikerkollegen. Wladimir Putins Hände, schwielig, vermutlich vom vielen Jagen und Reiten, sind so stark, dass sie nach Angaben seines Sprechers die Hand des Gegenübers brechen könnten, wahrscheinlich sogar die des ebenfalls sehr starken Recep Tayyip Erdogan. Sahra Wagenknecht wiederum benutzt ihre grazilen Hände zur permanenten politischen Selbstvergewisserung: Links ist da, wo der Daumen rechts ist. Wolfgang Schäuble, dessen Hände 1990 bei der Unterzeichnung des Einigungsvertrags einer größeren Öffentlichkeit bekannt wurden, benutzt seit der Griechenland-Krise nur noch den Zeigefinger (was allerdings ein Fake von Böhmermann sein könnte). Und die Händchen von Donald Trump stecken, wenn gerade niemand zuschaut, zumeist in seinen Hosentaschen, um zu überprüfen, ob tatsächlich immer stimmt, was der Volksmund sagt. Schließlich will er nicht, dass es ihm ergeht wie Jogi Löw.

          Auch in der politischen Sprache und Ikonographie ist die Hand fest verwurzelt. Politiker füßeln nicht, sondern sie händeln oder handeln. Gerhard Schröder verfolgte als Bundeskanzler eine Politik der ruhigen Hand, andere vertrauen auf die unsichtbare oder die harte Hand, wieder andere halten die Hand auf, aber ohne sich dabei die Hände schmutzig zu machen. Kanzlerin Angela Merkel hat sich angeblich in die Hände von Erdogan begeben und ihre eigenen Hände mittels der Merkel-Raute gar zu einer Art Markenzeichen gemacht. Und Hände zu schütteln ist ja ohnehin die Hauptbeschäftigung aller Politiker. Sie unterscheiden sich lediglich darin, wie sie den Duft der Menschen wieder loswerden: mit Desinfektionstüchern (Horst Seehofer) oder am Hemd von Bill Clinton (George W. Bush).

          Hände sind in der Politik also so omnipräsent wie im Handball oder Taschenbillard – und doch selten ein Thema. Sie in Großaufnahme zu zeigen oder gar über ihre Beschaffenheit eine größere Debatte zu führen, würde außerhalb der Vereinigten Staaten von Amerika als indiskret angesehen werden. Ein Grund dafür könnte sein, dass Hände nun mal sind wie sie sind, das heißt vor allem: sie sind verräterisch. Es gibt für sie weder Extensions noch Silikon-Implantate, und Maniküre ist auch keine Option, wenn man, wie Donald Trump, einen Zusammenhang sieht zwischen Händen und Männlichkeit.

          Angela Merkel kaut ihre Nägel. Das hat sogar der unvergessene frühere baden-württembergische Ministerpräsident Stefan Mappus getan – und nie wäre jemand im Entferntesten auf die Idee gekommen, dahinter Unsicherheit, Nervosität oder gar mangelnde Führungsstärke zu vermuten. Unterschätzen sollte man die Bedeutung der Hände aber auch nicht. Das hat nun das Social-Media-Team der Kanzlerin gemerkt. Während die Chefin im Sommerurlaub weilt, nicht beim Baden, sondern beim Wandern, wurde auf ihrem Instagram-Konto ein Foto gepostet, das eine Hand mit einer Tüte Eis zeigt. Darunter stand: „Sommerliche Stimmung vor dem Bundeskanzleramt“.

          Mal abgesehen davon, dass es auf dem Foto nicht ganz so sommerlich aussah, handelte es sich, wie einige User sogleich bemerkt und moniert haben, eindeutig nicht um die Hand der Kanzlerin. Viele rechtschaffene Bürger werden darin einen Beweis sehen, dass man in diesem Land nur noch belogen und betrogen wird. Die Idee eines Handdoubles ist so schlecht freilich nicht. Vielleicht sollte Trump mal bei Putin vorfühlen.

          Weitere Themen

          Ästhetik und politische Botschaften Video-Seite öffnen

          Politik-Fotografin Chaperon : Ästhetik und politische Botschaften

          Ihre Bilder von Angela Merkel sind ikonisch: Die französische Fotografin Laurence Chaperon porträtiert seit Jahrzehnten Prominente aus Politik und Gesellschaft, schaut hinter die Kulissen der Macht – und verbindet Ästhetik mit politischen Botschaften.

          Topmeldungen

          Laschet und Merkel in Stralsund am Dienstagabend

          Merkel und Laschet : Kann er Ostsee?

          In Stralsund macht Angela Merkel Wahlkampf mit Parteifreunden. Der eine will ihren Platz im Wahlkreis einnehmen – der andere jenen im Kanzleramt.
          Eine FFP2-Maske liegt neben einer Tasse Kaffee auf einem Tisch.

          RKI-Zahlen : Corona-Inzidenz sinkt auf 65,0

          10.454 neue Fälle sind deutlich weniger als vor einer Woche. Gesundheitsminister Spahn sagt Herdenimmunität voraus – ob durch Impfung oder Infektion. Und noch kein Euro Bundesgeld für Luftreiniger in Schulen wurde abgerufen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.