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Ein scharfer Schuss? Nein, nur Onomatopoesie. Bild: Zeichnung Wilhelm Busch

Fraktur : Inflation jetzt auch beim Wumms

Das doppelte Kanzlerwort hat uns ganz schön zusammenzucken lassen: Haben vielleicht wir die Pipelines in der Ostsee gesprengt?

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          Eine lange Laufbahn in der Politik ist eindeutig nicht gut für den Teint. Das zeigen in diesen Tagen vor allem die Fälle Putin und Berlusconi. Der russische Präsident wirkt, obwohl Gebietserwerbungen bei Leuten wie ihm die Durchblutung ankurbeln sollen, so wächsern wie Lenin nach Jahrzehnten der Liegezeit im Mausoleum. Noch mehr Renovierungsbedarf hatte Putins Freund in Italien, dessen Gesicht aussieht, als wäre es frisch mit Kunstleder überzogen worden, das am Ende knapp wurde. In jedem Fall muss der Schönheitschirurg Berlusconis ein Fan von Chucky, der Mörderpuppe gewesen sein. Wir haben uns schon lange nicht mehr so gefürchtet, wenn einer lacht.

          Berthold Kohler
          Herausgeber.

          Dabei hätten wir jetzt wirklich nicht noch den Anblick eines reanimierten Lustgreises gebraucht, damit es uns gruselt. Dafür hatte schon die Berliner Horrorgeschichte rund um die Gasumlage gereicht. Da sind Mitglieder der Ampelregierung ja durch die Gegend gelaufen wie Zombies. Vizekanzler Habeck, auch schon ziemlich grau im Gesicht, rief im Bundestag mit einer solchen Grabesstimme „Die Gasumlage muuuß weg!“, dass es selbst Boris Karloff kalt den Rücken hintergelaufen wäre.

          Dann ist Habeck doch ein Muuuß-weg-Minister

          Angeblich wollte Habeck damit nur die Muuuß-weg-Opposition karikieren. Doch nur Tage später machte er sich den Kriegsschrei „Muuuß weg!“ zu eigen, womit er ja wohl ein Muuuß-weg-Minister ist. Da er aber weiter sein Unwesen im schon von Burnout und Tinnitus gepeinigten Wirtschaftsministerium treibt, muuuß man wohl von einem Untoten sprechen.

          Richtig zusammengezuckt sind wir aber erst, als der Bundeskanzler vom Doppel-Wumms sprach. Im ersten Moment dachten wir, es seien nicht nur Habeck und Lindner zusammengekracht, sondern auch noch Baerbock und Lambrecht. Oder Merz habe sich nach dem Sozialtourismus-Rohrkrepierer auch noch ins andere Knie geschossen. Oder zwei weitere Pipelines seien gesprengt worden.

          Aber Erdogan ist keine kleine Kanalratte

          Die schlimme Nachricht vom Grund der Ostsee hatte uns nämlich noch mehr erschüttert als die Meldung, dass Kubicki Erdogan eine kleine Kanalratte genannt hatte, die dieser nun wirklich nicht ist, weswegen der türkische Präsident gegen die Einstufung klagen will. Über die Größe des Schadens an den Pipelines kann man dagegen nicht streiten. Mit deren Perforierung ist endgültig die Hoffnung dahin, doch noch einmal mit Putin ins Gasgeschäft zu kommen. Schon deswegen kann es ja eigentlich nicht Putin selbst gewesen sein, der die Röhren sabotiert hat. Aber wer dann? Die Polen, die uns zu Recht nicht mehr trauen? Die Türken, was Kubicki uns vielleicht durch die Kanalratte sagen wollte? Die Amis? Biden hatte Scholz ja auf offener Bühne bedeutet, er habe Mittel und Wege.

          Uns erinnert dieser Anschlag allerdings auch an Alexander den Großen, der seine Schiffe verbrennen ließ, um seinen Leuten zu zeigen, dass der Rückzug ausgeschlossen sei. Sollte vielleicht die außer Rand und Band geratene Ampel zu einem ähnlich drastischen Mittel gegriffen haben, um den Deutschen klarzumachen, dass es kein Zurück zur alten Energiepolitik gebe? Ist vielleicht auch das Leck in Isar 2 einem derart motivierten Sabotageakt geschuldet? Dann müsste man es wirklich mit der Angst zu tun kriegen.

          Doch diesen Verdacht müssen wir nicht länger hegen. Das in der Ostsee können wir gar nicht gewesen sein, denn dazu brauchte man ja mindestens ein tauchfähiges U-Boot. Und die Gorch Fock taugt nicht einmal zum Minenlegen.

          Und Scholz hat keine scharfe Wumme

          Auch der Doppel-Wumms hat sich nach einer Schrecksekunde als so unkriegerisch herausgestellt wie zuvor schon Scholzens goldener Schuss mit der Bazooka und der Einfach-Wumms vom Sommer 2020. Der Kanzler hantiert hier nicht etwa mit einer scharfen Wumme, sondern mit einem Onomatopoetikon, also einem Begriff, der nur so tut, als sei er ein Kanonenschuss oder eine Explosion. Und doppelt gemoppelt hält ja besser, gerade bei so einer Koalition. Dennoch finden wir es beunruhigend, dass die Wumms-Inflation auf zwei Jahre gerechnet schon 100 Prozent erreicht hat. Bei dieser Rate würde es uns nicht wundern, wenn es irgendwann auch einmal Rumms machte, vielleicht sogar doppelt.

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