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Fraktur : Gänsestopfleber

Ungestopft: Dieser Gans geht’s noch ganz gut. Bild: ZB

Darf deutscher Bundeskanzler werden, wer sich ein französisches Kulturgut einverleibt?

          2 Min.

          In unserem Land, dem es, wenn man unseren französischen Nachbarn glaubt, viel zu gut geht, müsste tatsächlich viel mehr aufgeschrien und angeprangert werden. Dass sich hierzulande viele Deutsche nicht wie Gott in Frankreich fühlen, sondern eher wie Türken in Essen, also ganz schön mies, darauf hinzuweisen war in den vergangenen Monaten das Verdienst des SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz. Vielen Deutschen mangelt es sogar an vernünftigem Essen, wie es sich unsere französischen Freunde anscheinend nach wie vor leisten können oder leisten wollen, demnächst vielleicht von den Eurobonds, sollte Frankreich dann noch in der EU und Schulz Bundeskanzler sein. Jedenfalls soll der Mann aus Würselen, wie ihm jetzt wieder zum Vorwurf gemacht wird, vor Jahren in einem Straßburger Restaurant im Gespräch mit einem britischen Journalisten Gänsestopfleber für 25 Euro je Portion gegessen haben.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Es wäre ihm uneingeschränkt zu gönnen, denn derzeit wird er im Wahlkampf von seinen Genossen mit Currywurst buchstäblich abgespeist. Die Gänsestopfleber wirft allerdings auch unangenehme Fragen auf: Ist es üblich, dass bei Treffen von Politikern und Journalisten nicht nur gekungelt, sondern auch noch Gänsestopfleber gegessen wird? Machen sich beide Seiten dadurch nicht ebenso erpressbar als erwischten sie sich gegenseitig im Unterhemd von Christian Lindner? Ist es blasphemisch, wenn ausgerechnet einer mit Vornamen Martin eine Gans oder ihre Teile isst? Bedeutet das Einverleiben von Foie gras durch einen Deutschen, dass sich das Deutsche und Französische vereinigen – oder bedeutet es, dass das Französische durch das Deutsche weggebissen, ja vernichtet wird? Und darf ein Mann, der Kanzler werden will, Gänsestopfleber essen, oder muss er das sogar, um sich auf die kulinarischen Kuriositäten in den Ländern vorzubereiten, mit denen er in Bälde Flüchtlingsabkommen auszuhandeln hat?

          Die Gänsestopfleber taugt außerdem als Symbol für sehr vieles. So führt sie allen Abgehängten und Wütenden des Landes vor Augen, was passieren kann, wenn man den Mund nicht voll bekommt oder ihn zu voll nimmt. Am Gaumen von Martin Schulz bezeugt die Gänsestopfleber aber auch, dass sich der demokratische Sozialismus und das schöne Leben keineswegs ausschließen – eine Ansicht, für die auch der Fast-Franzose Oskar Lafontaine sein Lebtag gekämpft hat, mit gutem Erfolg. Das sieht man an seiner Gattin Sahra Wagenknecht, die bekanntlich für eine Gesellschaft ist, „in der alle Menschen Hummer essen können“.

          Der Hummer, der besonders gut schmecken soll, wenn man ihn nach einer alten Kulturtechnik lebendig in kochendes Wasser wirft, lässt wie die Gänsestopfleber die Vermutung zu, dass das Wohl des Menschen und das Wohl des Tieres bisweilen in einem gewissen Spannungsverhältnis zueinander stehen können. Man kennt das vom Stierkampf oder vom Streichelzoo, wo sich auf jeweils ganz andere Art die Frage stellt, wie viele leuchtende Menschenaugen es rechtfertigen, dass man die Tiere jäh aus ihrem Alltag reißt. Beim Stierkampf kommt verkomplizierend hinzu, dass es die stolzen Kampfstiere womöglich gar nicht mehr gäbe, wenn der Stierkampf verboten würde, was angesichts der aus den Fugen geratenen Welt freilich auch ein großes Glück für die Tiere sein könnte.

          Doch zurück zum Gänsestopfen. Das ist in Deutschland wie in den meisten anderen europäischen Ländern verboten, in Frankreich wurde das Produkt hingegen als „Teil des kulturellen und gastronomischen Erbes“ unter besonderen Schutz gestellt. Zum kulturellen Erbe unserer Erbfreunde gehört freilich auch der Genuss erlesenster Weine. Statt sich nun darüber den Kopf zu zerbrechen, ob Deutschland mit seiner schwierigen Vergangenheit einen Kanzler aushält, der womöglich vor Jahren mal Gänsestopfleber gegessen hat, brauchen wir schnellstens eine Debatte darüber, was es für die deutsch-französische Freundschaft bedeuten würde, wenn ein deutscher Bundeskanzler zur Gänsestopfleber keinen Sauternes trinken kann.

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