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Fraktur : Gähnende Leere

Formel leer wie Vogel voll: Das sollte allen eine Lehre sein. Bild: Wilhelm Busch

Hätte Merkel uns das doch früher gesagt!

          Es gibt Wochen, da ist in der deutschen Politik rhetorisch derart wenig los, dass man mit Wehmut an Edmund Stoiber zurückdenkt. Oder froh ist, dass es Donald Trump gibt, obwohl der für unsere Präsidentenwahl nicht zur Verfügung steht. Man erlebt aber auch Tage, in denen unsere Politiker und ihr Personal nur so sprudeln vor sprachlicher Kreativität, etwa wenn ein Vorschlag auf dem Tisch bleibt, aber erst einmal ins Gefrierfach kommt – wir ahnten ja schon immer, dass in Berlin auch die Eisfächer riesig sein müssen. Wie sollten sonst die vielen Vollformeln frisch gehalten werden können, die in der Hauptstadt immerzu neu erdacht werden, ohne gleich oder überhaupt zur Anwendung zu kommen, wie etwa Sigmar Gabriels Forderung, „den Zusammenhalt der ganzen Gesellschaft zu festigen“.

          Das ist nämlich gar nicht so einfach, wie es klingt. Denn wie bitte festigt man eine Gesellschaft? Mit Gesellschaftsfestiger aus der treibhausgasfreien Pumpflasche? Die Grünen braucht man, obwohl die dauernd „zu einem echten Neustart“ bereit sind, danach gar nicht zu fragen, wenn man sich die Haartracht von Anton Hofreiter anschaut. (So viel zu der Behauptung, nur bei Politikerinnen würde die Frisur thematisiert.)

          Aber auch die „tektonischen Verschiebungen“ in Deutschland, von denen derzeit vor allem die CSU spricht, sind dazu geeignet, uns den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Was sollen wir bloß tun, wenn die Mecklenburgische Seenplatte voller AfD-Schwimmer auf den Schwarzwald prallt und sich in den Stuttgarter Kessel ergießt? Nach einem solchen Tsunami wäre Kretschmann nur noch ein Hecht im Piranha-Teich. Zum Glück haben wir schon die meisten unserer Atomkraftwerke abgeschaltet, wofür unserer Kanzlerin immer noch Dank gebührt.

          Sehr beruhigend finden wir nun auch ihren Hinweis, dass wir uns über das, was Politiker so sagen, nicht so viele Gedanken machen sollen. Hätte sie das doch bloß schon früher gesagt! Auch wir können die Jahre ja nicht zurückdrehen. Merkel hat schon recht: Was ist nicht alles in ihr Mantra „Wir schaffen das“ hineingeheimnist worden. Manche hielten diesen Satz, als er noch herrschende Lehre war und noch nicht gähnende Leere, sogar für nobelpreisverdächtig. Nun aber soll aus ihm eine Formel schwach wie Flasche leer geworden sein, weil die drei Wörter übertrieben oft wiederholt worden seien. Diese hinterfotzige CSU!

          Hat die Merkelsche Zauberformel durch zu häufigen Gebrauch entleert wie die Müllabfuhr die Restmülltonne! Auf diese Partei gehört ein Schild mit der Warnung geklebt: Vor Gebrauch schütteln! Sonst ruiniert sie uns als nächstes auch noch die wunderbare Formel, dass wir stärker aus dem Flüchtlingsstrom herauswaten werden, als wir, unvorbereitet wie wir alle waren, in ihn hineingefallen sind.

          Diesen weiteren Formelmord dürfen wir nicht nur deshalb nicht zulassen, weil wir schon bis zur Hüfte in politischem Leergut stehen (auf das endlich Pfand erhoben werden sollte). Die Hinein-hinaus-Beschwörung muss auch deswegen inhaltsprall wie ein Presssack bleiben, weil Merkel uns mit ihr noch die Angst vor jeder Krise genommen hat. Deswegen meckert an dieser Formel auch keine(r) herum – was andererseits wieder merkwürdig ist, denn ein starkes Deutschland muss ja wohl wenigstens den Wärterinnen und Wärtern des politisch Korrekten, die von den tektonischen Verschiebungen im Vokabular des politischen Diskurses erschüttert werden, kalte Schauer über den Rücken jagen; da fehlt ja nicht mehr viel bis zu „Deutschland, erstarke!“, am Ende noch ohne Anführungszeichen.

          Die Kanzlerin wird hoffentlich nicht auch noch vor diesen Formelkillern einen Kotau machen. Denn dann wäre es, sie ist ja doch noch für viele ein Vorbild, wohl bald endgültig vorbei mit unserem Formelreichtum. Und was bliebe dann noch von der Politik?

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