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Fraktur : Fast immer in Bewegung

Fast immer in Bewegung: Söder mit Duderinos Bild: dpa

Wie geht man in den Zeiten von Corona richtig? Markus Söder und Hubert Aiwanger führen es uns vor.

          2 Min.

          Ostern ist ja sowieso schon das Fest der Juristen. Wie oft wird bei Voßkuhles in der Küche bei der Zubereitung des Ostermahls schon übers Johannesevangelium debattiert worden sein: „Du hättest keine Macht über mich, wenn sie dir nicht wäre von oben herab gegeben.“ Um wie viel mehr muss das für dieses Corona-Osterfest gelten, an dem die Rechtsgeschichte von mehreren tausend Jahren im Zeitraffer stattzufinden scheint. Zwei Auffassungen prallen aufeinander: die Ansicht, die vom Staat erwartet, ein perfektes Normensystem zur Verfügung zu stellen, in dem jeder nur erdenkliche Verstoß gegen die Ausgangsbeschränkungen geregelt ist – sonst handele es sich um Willkür; und der Glaube, jedes menschliche Verhalten sei ein Fall für sich und entsprechend differenziert im Hinblick auf das zu erreichende Ziel – Eindämmung des Virus – zu betrachten.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Die erstgenannte Auffassung wurde dieser Tage von der Münchner Polizei hochgehalten. Man dürfe auf einer Parkbank kein Buch lesen, ließ sie wissen. Punkt. Abgeleitet wurde dieser Rigorismus aus dem Passus einer Verordnung der Bayerischen Staatsregierung, wonach „Sport und Bewegung an der frischen Luft“ erlaubt seien. Aus dem Wort „Bewegung“ wurde das Verbot längeren Verweilens gefolgert. Dabei ist schon Bewegung nicht gleich Bewegung. Wer etwa mit dem Rennrad neben oder direkt hinter einem anderen fährt, dürfte vor Ansteckung kaum gefeit sein – wobei man auch hier differenzieren muss.

          Angeblich wird in Nordrhein-Westfalen über Kontaktsperren-Erleichterungen für alle sich nahestehenden Menschen nachgedacht, deren Körpergröße um mindestens fünfzig Zentimeter differiert. Zunächst soll das allerdings nur für den jeweils Größeren gelten, weil ja auch die Viren der Schwerkraft unterliegen und Armin Laschet den Eindruck vermeiden will, er habe bloß seine eigene Größe im Blick.

          Auch Gehen ist Bewegung. Wer wissen will, wie man das am besten macht, der schaue sich an, wie Markus Söder mit seinen Ministern dieser Tage zu den Kabinettspressekonferenzen geht: leicht versetzt, exakt 1,5 Meter von Söders Nase zu Aiwangers Mund, so entschlossen, dass man daraus das Filmplakat für „Reservoir Dogs II“ machen könnte. Unterstützt wurde dieser Eindruck durch Bilder vom Münchner Flughafen, wo Söder und Andi Scheuer mit ein paar anderen Duderinos Schutzmasken aus China in Empfang nahmen, als handele es sich dabei um waffenfähiges Plutonium. Sie stehen auf den Fotos im Freien. Stehen ist nicht Bewegung. Aber wenn man so steht, wie Bands in den Neunzigern auf CD-Covern, dann ist dagegen natürlich überhaupt nichts zu sagen.

          Nun zum Lesen. Auch wenn einen ein Buch noch so sehr bewegt, bewegt man sich beim Lesen in der Regel nicht, wobei auch das nicht ausgeschlossen ist, man denke nur an die Peripatetiker, die einst beim Spazierengehen die Reclam-Ausgaben von Aristoteles verschlangen. Die Münchner Polizei ging jedenfalls davon aus, dass lesen etwas sei, das länger dauere. Spätestens seit Donald Trump weiß man, dass das falsch ist. Offenbar gibt es unter Münchner Polizisten auch keine Lyrikfreunde – oder nur Anhänger epischer Dichtung. In der Regel dürfte ein Gedicht aber doch schneller zu rezipieren sein als etwa ein Eis, das man laut dem bayerischen Innenminister Herrmann, dem juristischen Antipoden der Münchner, nach wie vor essen darf, sogar auf einer Bank.

          Die Lyrik lehrt uns auch auf andere Weise, dass man den Einzelfall betrachten muss. Wenn jemand Vergewaltigungsphantasien veröffentlicht, dann sollte man das prima facie verwerflich finden. Wenn es sich dabei aber um das lyrische Ich des dichtenden Sängers der Band Rammstein handelt, dann ist das natürlich etwas ganz anderes – sagt zumindest der Verlag, der das Gedicht mit nämlichem Inhalt veröffentlicht hat. Das lyrische Ich ist toll. Mit ihm lässt sich manche Beamtenbeleidigung entschuldigen. Und sogar Artikel wie dieser. Noch hilfreicher ist aber das Johannesevangelium. Genauer der Satz: „Was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben.“ In der Variante für Voßkuhle und überhaupt alle, die in diesem Jahr gezwungen sind, es sich zu Hause schön zu machen und zusammen was Leckeres zu kochen: „Was ich gerieben habe, habe ich gerieben.“

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