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Fraktur : Nicht witzig

Eine Scheune brennt in Jamel (Mecklenburg): Die Bewohner des Hauses engagieren sich gegen Rechte Bild: dpa

Brandstiftung scheint inzwischen als Bestandteil der politischen Willensbildung verstanden zu werden.

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          Unter normalen Umständen hätte man heute an dieser Stelle vielleicht über das „gute Leben“ gescherzt, das die Bundeskanzlerin am Dienstag in Duisburg-Marxloh gesucht hat. Oder man hätte einen lange gereiften Plan verwirklicht und sich über das Attribut „schön“ amüsiert, das die „Bild“-Zeitung gerne im Zusammenhang mit Mörderinnen und weiblichen Mordopfern verwendet – als sei es besonders betrüblich, wenn schöne Frauen töten oder getötet werden.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Unter normalen Umständen hätte man sich auch mit den Begriffen „Pack“, „besorgte Bürger“ und „undeutsch“ satirisch auseinandersetzen können. Denn es entbehrt ja nicht einer gewissen Ironie, dass viele Bürger heute so euphemistisch daherreden wie sonst oft die Politiker („sehr besorgt über die Lage in Syrien“) – und die Politiker wie sonst die Bürger („Pack“). Aber die Umstände sind nicht normal und witzig schon gar nicht.

          Das Anzünden von Asylbewerberheimen scheint hierzulande immer mehr als integrativer Bestandteil der politischen Willensbildung verstanden zu werden. Wenn man als Journalist einen gut recherchierten Artikel über Angriffe auf Flüchtlinge schreibt und der Artikel wird im Internet von vielen Lesern „geliked“, dann kann man sich nicht mehr sicher sein, was da eigentlich auf Wohlgefallen gestoßen ist: der Artikel oder die Vorfälle, die er zum Gegenstand hat. Und wer heute in einem Städtchen lebt, in dem sich die Leute bisher noch gegrüßt haben und in dem bald Flüchtlinge untergebracht werden sollen, der kann als Spätgeborener einen Eindruck davon bekommen, wie es ungefähr gewesen sein muss, damals, als gewisse Leute, die eine andere Meinung vertraten, auf einmal nicht mehr gegrüßt wurden.

          Wie die Kanzlerin, so suchen auch die Flüchtlinge nach dem guten Leben. Die vielen oft ehrenamtlichen Helfer wissen, dass sie sich dabei bisweilen irritierend, manchmal auch komisch verhalten. Darüber könnte man sich hier lustig machen, denn zu unserem gelobten Land gehört entgegen der Auffassung mancher Minderheit auch, dass jede Minderheit ein Recht darauf hat, verspottet zu werden.

          Man könnte hier außerdem so einiges an der deutschen Flüchtlingspolitik kritisieren, an der Politik insgesamt. Aber man hat, um es mal in der unmissverständlichen Sprache unseres Vizekanzlers zu sagen, keinen Bock darauf. Weil man als Journalist ganz sicher keinen Applaus von denjenigen will, die meinen, die Journalisten hätten nicht genügend Mumm oder Intellekt, um das zu schreiben, was ihren wütenden Applaus verdiente. Den Politikern geht es ähnlich. Sie könnten beim Thema Flüchtlinge umfassender informieren. Aber sie tun es nicht – aus Angst vor den Brandstiftern, die ihre Verbrechen auch mit der Behauptung verbrämen, sie würden von den Politikern nicht ausreichend informiert.

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