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Mit sich im Reinen: Als wäre sie die Queen Bild: Wilhelm Busch

FRAKTUR : Als wäre sie die Queen

Ein Wohlfühltermin mit der Altkanzlerin: Warum die Entscheidung für die Merkel-Show richtig war.

          2 Min.

          Haben Sie am Dienstagabend auch geschwankt, was Sie im Fernsehen schauen sollen? Zur Wahl standen schließlich zwei Heimspiele von nationaler Be­deutung: das Match Deutschland ­ – England in München, über das der Kaiser einmal so schön sagte „We call it a Klassiker“, und Angela Merkels Rückkehr auf den Platz in Berlin nach Mo­naten der Abkopplung und des Auslüftens, wie sie ihr Un­tertauchen nach dem Auszug aus dem Kanzleramt nannte.

          Berthold Kohler
          Herausgeber.

          Wir haben uns für die Begegnung entschieden, bei der man mit einem sicheren Sieg der Heimmannschaft rechnen konnte, auch wenn die nur aus einer einzigen Frau bestand. Und so kam es auch: Merkel wurde be­jubelt, als hätte sie in einem Elfmeterschießen den entscheidenden Treffer erzielt. Oder als wäre sie die Queen.

          Am Dienstag sah man, was eine Bildungsreise nach Italien, ein paar Hörbücher und fünf Wochen Einsamkeit an der Ostsee aus einer Politi­kerin machen können, die sich mit ihren Kritikern immerhin darin einig ist, dass 16 Jahre genug waren. So strahlend und gut gelaunt hat man Merkel seit unserem WM-Sieg 2014 nicht mehr erlebt. Allerdings war Argen­tinien ein ernst zu nehmender He­rausforderer gewesen. Im Berliner En­­semble schien der Spielplan da­gegen der Devise der deutschen Ukrainepolitik zu folgen: Merkel darf nicht verlieren.

          Merkel hat Putin und Trump ertragen müssen. Und Seehofer. Und Söder.

          Schließlich war und ist es ihr er­klärter Wille, nur noch Wohlfühl­termine wahrzunehmen. Wer möchte ihr das verdenken? Was hat die Frau nicht alles aushalten, wen hat sie nicht alles ertragen müssen! Putin. Putins Hund. Trump, der zum Glück keinen Hund hatte, weil der natürlich der größte Kläffer der Welt gewesen wäre. Seehofer. Söder. Einen Untoten. (Lieber Herr Merz, damit nicht wieder ein Missverständnis entsteht: Der Begriff „Untoter“ stammt nicht von uns. Er wird hier nur zitiert, so wie damals der „Sauerland-Trump“.) Und hin und wieder sogar Journalisten, die nicht nur Wohlfühlfragen stellten.

          Anders als die Merkel-Hasser, die sie nach wie vor am liebsten teeren und federn würden, gönnen wir der Kanzlerin wie auch allen anderen Has-beens den Ruhestand. Die meisten fehlen uns nicht, vor allem nicht die Unfehlbaren. Aber müssten wir nicht auch und gerade unseren aktiven Politikern mehr Gelegenheiten zum Wohlfühlen geben? Uns Deutschen tun doch sogar unsere Schweine leid, jedenfalls bis zu deren Verwandlung in Nackensteaks und Schnitzel. Dass die Koalition sich nun so vehement für das sogenannte Tierwohl-Label einsetzt, kommt uns wie ein Wink mit dem Saupferchzaunpfahl vor. Der überfüllte Reichstag lässt in der Tat keine artgerechte Ab­geordnetenhaltung mehr zu. Auch un­sere Volksvertreter hätten mehr Frischluft und Auslauf verdient.

          Wiedergeboren im Schaum der Ostsee

          Und man sah ja, wie gut Merkel die Spaziergänge am Strand taten. Im Schaum der Ostsee muss es eine Re­naissance gegeben haben, deren Zauber wohl nur ein neuer Botticelli einfangen könnte. Der Kollege, den La Merkel sich als Stichwortgeber für ihr Je-ne-regrette-rien erwählt hatte, war ja noch bis in die Nachspielzeit hinein hin und weg.

          Dass die Altkanzlerin so vollkommen mit sich im Reinen ist, hat den Neuen in den Berliner Schaltstellen der Macht gleich gänzlich die Sprache verschlagen. Oder vernahmen Sie auch nur eine Silbe des Kommentars zu Merkels Auftritt? Bestimmt dachte aber manches Regierungsmitglied: Was hat die doch für ein (zu besteuerndes?) Überglück, dass sie sich nicht selbst mit ihrem innen- und außenpolitischen Erbe herumplagen muss!

          Und es stimmt ja: In der Ampel­koalition, die doch eigentlich eine Wellness-Oase sein wollte, sind die Wohlfühlmomente rar geworden. Wir aber wollen der Altkanzlerin dafür danken, uns einen solchen beschert zu haben. Sie führte uns vor, dass man auch in sehr schwierigen Zeiten zufrieden mit sich und der eigenen Vergangenheit sein kann. Das ist doch für uns Deutsche etwas ganz Neues. Die Entscheidung für die Merkel-Show war also goldrichtig. Beim Länderspiel gegen England hätten uns bloß wieder die alten Selbstzweifel ge­packt.

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