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Alte Verlegerschule: Assistenten-Ausbildung, ganz ohne Ironie Bild: Wilhelm Busch

Fraktur : Es war ja nur Ironie

Deshalb wollen wir auch nicht den beleidigten Assistenten spielen. Aber eines muss klargestellt werden: Propaganda können andere besser.

          2 Min.

          Die Älteren unter uns kennen noch den wunderbaren Sketch von Emil Steinberger mit dem Titel „Nachts auf der Hauptwache“, in dem der Polizeibeamte Schnieder am Telefon aus der Bredouille zu kommen versucht mit dem Satz: „Nein, hier spricht nur der Automat!“ Ach, könnten wir uns bloß auf ähnliche Weise aus dem Staub machen und behaupten: Hier schreibt nur der Algorithmus! Aber in der Angelegenheit, die in dieser Woche an dieser Stelle zu behandeln ist, wollen nicht auch noch wir nach Ausflüchten suchen. Wir müssen also zugeben: Hier schreibt nur der Assistent.

          Berthold Kohler
          Herausgeber.

          Genauer gesagt: ein Propaganda-Assistent, der dem neuen DDR-Obrigkeitsstaat dient, in den sich unsere ehemals freiheitlich-demokratische Grundordnung unter der Kanzlerin Merkel verwandelt hat. Diese neue Berufsbezeichnung für fast alle deutschen Journalisten findet sich in einer Kurznachricht, die der Springer-Vorstandsvorsitzende Döpfner dem Schriftsteller Stuckrad-Barre schickte. Döpfner, nebenbei Präsident des Zeitungsverlegerverbandes, teilte darin die deutsche Journaille ein in den damaligen Bild-Chefredakteur Reichelt auf der einen Seite („Er ist halt wirklich der letzte und einzige Journalist in Deutschland, der noch mutig gegen den neuen DDR-Obrigkeitsstaat aufbegehrt“) und in „fast alle anderen“, die zu besagten „Propaganda-Assistenten“ geworden seien.

          Nun könnte man versuchen, der Brandmarkung als williger Helfer durch das Schlupfloch des „fast alle“ zu entkommen. Aber vor dem drängen sich vermutlich schon fast alle Journalisten aus dem Hause Springer. Und dann sehen wir anders als viele Kollegen in Presse, Funk und Fernsehen eigentlich auch keinen Grund, den beleidigten Assistenten zu spielen. Denn erstens war das nur eine persönliche Meinung, und es ist in der Tat eine Grenzüberschreitung, dass eine private Nachricht öffentlich gemacht wird und Sätze aus dem Zusammenhang gerissen werden. Davor schreckt ja sogar die Bild-Zeitung zurück. Zweitens hat Döpfner ebenfalls nach eigener Aussage in seiner SMS zu einem Stilmittel gegriffen, das wir in dieser Kolumne auch nutzen: Ironie.

          Das Gegenteil von dem, was man schreibt

          Und zumindest unsere Leser wissen: Ironie ist, wenn man das Gegenteil von dem schreibt, was man meint. Demnach hätte der Springer-Chef also in Wahrheit den Bild-Chef für dessen Äußerungen zur Pandemiepolitik der Regierung Merkel getadelt – und fast alle anderen deutschen Journalisten gelobt. Reichelt kannte ja keine Grenzen mehr, wenn er von „Schreckenspropaganda“ sprach oder von der „Gefallsucht des inzwischen autoritären Staates“. Allerdings müssen wir auch dem inzwischen – aus ganz anderen Gründen – gefeuerten Bild-Chef zugestehen, dass er das ebenfalls ironisch gemeint haben könnte. So reden sie sonst ja nur in der AfD oder bei Pegida.

          Wissen war nie wertvoller

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          Sicher gänzlich ironiefrei ist dagegen die Äußerung eines anderen Verlegers gewesen, der ebenfalls Schlagzeilen in eigener Sache machte: Dirk Ippen. Der hatte seinen Assistenten verboten, ihre Rechercheergebnisse zum Fall Reichelt zu veröffentlichen. Ippen begründete sein Veto mit einem Eindruck, der nicht habe entstehen sollen: dass man einem Wettbewerber wirtschaftlich schaden wolle, indem man über ihn schreibe.

          So entstehen hartnäckige Spekulationen

          Das klingt voll nach alter Verlegerschule. Warum aber wird Ippen trotzdem nicht geglaubt? Weil es leider längst zum guten Ton in unserer Branche gehört, schlecht über Wettbewerber zu reden und zu schreiben. Nicht allein im Hause Springer hat man da weit weniger Skrupel als Ippen. Und auch beim Dissen der Konkurrenz schreibt gerne einer vom anderen ab. So entsteht dann eine „hartnäckige Spekulation“ wie etwa die, dass die F.A.Z. ihre „teure Berliner Redaktionsimmobilie“ bald aufgeben werde, wie es kürzlich in der Süddeutschen Zeitung hieß.

          Wir haben, was man schon als Volontär lernt, deswegen mal bei unserer Geschäftsführung angerufen und die Auskunft bekommen, dass diese Spekulation haltlos sei. Doch Achtung: Bei diesem Dementi könnte es sich natürlich um Propaganda des neuen VEB F.A.Z. handeln. Und an deren Verbreitung wollen und können wir nicht auch noch mitwirken. Da müssten wir uns doch erst einiges von den Assistenten in anderen Häusern abschauen, die dieses Geschäft besser beherrschen.

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