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Fraktur : Die Zukunft ist sicher

Seiner Zeit voraus: Der Deutsche schaut gern in die Zukunft. Bild: Wilhelm Busch

Denn fast alles ist relativ: Zeitgleiche Grübeleien zum Jahresanfang.

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          Was sind wir froh, dass endlich diese Zeit zwischen den Jahren hinter uns liegt. Die bringt uns immer so ins Grübeln. Zum Beispiel darüber, ob es sie überhaupt gibt. Unser Physiklehrer hat das Jahr für Jahr vor zwischen den Jahren bestritten. Denn vierundzwanzig ist zur selben Zeit auch null Uhr, zwischen diese beiden passt kein Blatt Papier und erst recht nicht eine Handvoll Tage. Die Woche vor Silvester gehört ganz und gar noch zum alten Jahr. Aber der Deutsche will seiner Zeit einfach voraus sein. Er ist, wenn er nicht gerade im Hobbykeller seine Vergangenheit bewältigt, zukunftsorientiert. So ist seine liebste Angst die Zukunftsangst. Und nicht grundlos lautet eines der Lieblingswörter der deutschen Politik „zukunftsfähig“. Denn die Zukunft kommt ja nicht einfach so über uns. Sie hat auch nicht irgendwann schon begonnen, jedenfalls nicht für alle, da irrte Robert Jungk. Wie das Wort schon sagt, hat nur der Fähige eine Zukunft, weswegen wir für sie fit gemacht werden müssen.

          Daher hörten wir an Silvester sehr aufmerksam der Frau zu, der eine große Zukunft vorhergesagt wird. Ja, auch der Bundeskanzlerin, zuvor aber der Bayerischen Staatsministerin für Wirtschaft und Medien, Energie und Technologie, Ilse Aigner. Sie warnte im Deutschlandfunk davor, dass ohne Digitalisierung „in Zukunft die Wirtschaft keine Zukunft haben“ werde. Eine Zukunft ohne Zukunft! Das wäre wirklich schrecklich, wo die Zukunft doch so lange dauert, viel länger jedenfalls als die Gegenwart, die nach neuesten Untersuchungen noch kürzer ist als gedacht. Ob Faust sich auf diese vermaledeite Wette eingelassen hätte, hätte er das schon gewusst?

          Andererseits wäre es ohne Zukunft vielleicht gar nicht so schlecht, wenn man bedenkt, was sie uns in der Vergangenheit alles bescherte. Doch gab es damals ja auch noch nicht so viele Politiker wie heute, die sich mit Zukunftsfragen aller Art beschäftigen – und das am liebsten „zeitgleich“, wie sie sagen, denn das klingt nach gottgleich. Das alte „gleichzeitig“ war einfach nicht länger zukunftsfähig. Am so vergänglichen wie gefährlichen Glück der Gegenwart dagegen scheint seit dem Fall Edathy kein Politiker mehr interessiert zu sein. Den folgenden Satz sucht man in den Bundestagsprotokollen des vergangenen Jahres jedenfalls vergebens: „Werd ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch! Du bist so schön! Dann magst du mich in Fesseln schlagen, dann will ich gern zugrunde gehn!“

          Das ist natürlich keine Überraschung, denn wer kennt heutzutage noch seinen Fack ju Göhte? Und wer bitte mag noch gern zugrunde gehen, abgesehen einmal von diesen irren Islamisten? Haben wohl im Lateinunterricht nur Horaz gelesen. Denen müsste man mal den Film „Wer früher stirbt, ist länger tot“ zeigen. Am Ende würde der sie aber noch anspornen, wegen der Jungfrauen im Paradies und so. Es ist eben, wie unser Physiklehrer meinte, so gut wie alles relativ. Also auch die Aussage unserer Politiker, die Zukunft sei, anders als die Rente, nicht sicher. Wir können dem neuen Jahr somit ganz entspannt entgegensehen.

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