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Berühmte Taugenichtse: Aber wehe, wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe! Bild: Wilhelm Busch

Fraktur : Die Wiedergeburt des Tunichtguts

Wie die Migration zu einer Bereicherung führt – mindestens unseres Wortschatzes.

          2 Min.

          In einer Welt, die zusehends aus den Fugen gerät, muss man über alles froh sein, das Bestand hat. Wie wunderbar etwa ist es doch, dass Thomas Gottschalk seiner Frau Thea nicht übelnahm, auf der Flucht vor den Flammen in Malibu nicht seine Klamotten, die Erstausgabe von Karl May und das Rilke-Gedicht gerettet zu haben, sondern die Katzen, das Katzenfutter und die Katzenklos. Und das auch noch im billigsten Auto, das in der Garage stand.

          Schön ist auch, dass Angela Merkel und Emmanuel Macron immer noch und sogar im Wald von Compiègne, wo Deutsche und Franzosen früher abwechselnd nur Füllfederhalter zerbrachen, so miteinander schnäbeln, dass eine hundert Jahre alte Französin unsere Kanzlerin für die Frau ihres Präsidenten hielt, die zwar ebenfalls älter als ihr Mann ist, aber doch jünger als Merkel. Quel beau compliment! Und das, obwohl die Hundertjährige doch schlimmer unter uns Deutschen leiden musste als etwa Brigitte Macron unter der Altneihauser Feuerwehrkapell’n.

          Was den Franzosen im vergangenen Jahrhundert von deutscher Hand widerfuhr, hat sich ja sogar bis ins Weiße Haus herumgesprochen, mindestens aber bis zum Lieblingssender Trumps. Wo sonst will der amerikanische Präsident erfahren haben, dass die französischen Vasallen heute Deutsch sprächen, wenn im Ersten und im Zweiten Weltkrieg nicht die Amerikaner vorbeigekommen wären?

          Auch Trump ändert sich also nicht. Das sah man ebenfalls daran, dass er einem CNN-Reporter die Akkreditierung für das Weiße Haus entziehen ließ, weil der eine Praktikantin angefasst hatte, direkt vor den Augen des Präsidenten. Die Begründung ist natürlich ein Fake. In Wahrheit wurde der Mann gefeuert, weil er sich offen Trump widersetzte. Der hatte, was das Anfassen von Frauen angeht, eine klare Direktive erlassen. Und was tut dieser Schlappschwanz vom Fake-News-Sender? Packt die Praktikantin am Arm! Ein glatte Provokation des Präsidenten! Bad! Very bad!

          Mehr wunderbar griffige Begriffe!

          Höchst erfreulich ist dagegen, dass auch Winfried Kretschmann der bleibt, der er ist – also der, der er wurde auf seinem langen Marsch zu seiner wahren Bestimmung (Landesvater von Baden-Württemberg), woran ihn nicht einmal die Grünen hindern konnten. Kretschmann wird, obwohl sich einige seiner grünen Landeskinder beschwerten, Gruppenvergewaltiger eine „Horde nennen, solange ich lebe. Da wird mich niemand davon abbringen.“ Also nicht einmal der Direktor des Instituts für Deutsche Sprache, der es „abwertend“ fand, „den Begriff Horde auf Menschen zu beziehen“. Auch wenn es in diesem Fall noch passendere Begriffe gegeben hätte, die den Vorwurf des „biologistischen Gesamtszenarios“ weit besser hätten belegen können, kann man dem Sprachwissenschaftler nur schlecht widersprechen. Denn wahrscheinlich ging es Kretschmann tatsächlich nicht darum, die sieben Syrer und den Deutschen, die eine wehrlose Studentin in Freiburg vergewaltigt hatten, irgendwie aufzuwerten.

          Versprechen musste Kretschmann allerdings, nicht mehr die Verbringung solcher Individuen „in die Pampa“ zu fordern. Darüber gab es fast noch mehr Aufregung als über die „Horde“. Mindestens die vielen Lehrer in den Reihen der Grünen wissen ja noch, was man damals in Argentinien mit Leuten machte, die verschwinden sollten. Dass Kretschmann im Sinn gehabt haben soll, Migranten über dem Bodensee aus dem Flugzeug zu werfen, kann aber noch nicht einmal die irrste Grüne geglaubt haben. Vielleicht klang Pampa für Papa Kretschmanns Kritiker einfach zu sehr nach Sachsen-Anhalt, da stecken ja auch zwei A drin.

          Vorbehaltlosen Dank verdient Kretschmann jedenfalls für die Wiederbelebung eines schönen alten deutschen Wortes, das kurz vor dem Aussterben stand: des „Tunichtguts“. Auf diesen Begriff einigte sich seine grün-schwarze Koalition, um endlich einen Namen für jene Migranten – in einem lupenreinen biologistischen Gesamtszenario würde man wohl von Problembären sprechen – zu haben, die zwar nicht im Rudel Frauen vergewaltigen, aber doch lieber ihre Abende mit dem Aufmischen ihrer Nachbarschaft verbringen als mit Spätdiensten im Altenheim. Das lässt uns hoffen, dass auch der „Taugenichts“, der „Nichtsnutz“ und der „Galgenstrick“ wieder unseren Wortschatz bereichern, denn Gelegenheiten zum Gebrauch dieser wunderbar griffigen Begriffe gibt es ja mittlerweile genug. Es hat eben doch alles auch sein Gutes.

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