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Fraktur - Die Sprachglosse : Vernunftehe

Flotter Dreier: Busenfreundschaft? Waffenbruderschaft? Oder doch eher eine Regenbogenfamilie? Bild: Foto Marco Urban

Seien wir ehrlich: Letztlich geht es beim Heiraten ja doch bloß um Steuervorteile, ums Geld. Warum also sollte es gerade bei der großen Koalition anders sein?

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          Dass eine Vernunftehe mit einer langen Nacht beginnt, an deren Ende die Beteiligten erschöpft und beglückt in „getrennte Betten“ (Horst Seehofer) sinken, ist wirklich nur in der Politik möglich. So geschehen im Morgengrauen am Mittwoch, als Union und SPD beschlossen, dem jeweils anderen noch einmal eine – allerletzte – Chance zu geben.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Vor allem die SPD hatte sich lange geziert, aus Angst, wieder bloß verletzt zu werden. Und weil ihr Dobrindt mittlerweile zu dünn ist. Aber auch die Union, überhaupt nicht der Typ für wechselnde Mehrheiten, hatte ihre Vorbehalte. Gegenüber der SPD: Die gibt ihr – gemessen daran, dass sie nicht mehr so heiß ist wie früher – zu viel Geld aus. Und gegenüber Beziehungen im Allgemeinen. Gerade mal vier Jahre ist es her, dass sich nachts um 2.15 Uhr Guido und Horst endlich trauten, „Guido“ und „Horst“ zueinander zu sagen. Damals schien es Liebe zu sein. Und jetzt? Alles aus, die FDP ein Häuflein Elend und die CSU am liebsten ganz für sich allein.

          Hemmungslos koalieren in Hessen

          Hoffnungsfroher klingt da schon, was Union und Grüne in Hessen vorhaben: sich abtasten und beschnuppern, hart miteinander ringen (wem’s gefällt) – und dann: hemmungslos koalieren, am besten Tag und Nacht. Aber selbst da heißt es: keine Liebesheirat, sondern Vernunftehe. Das heißt es ständig in der Politik. Aber was soll das eigentlich heißen?

          Auffällig ist zunächst, dass überhaupt eine Metapher aus dem verminten Feld, auf dem sich Mann und Frau begegnen, Verwendung findet. Man könnte ja auch von Busenfreundschaft, Waffenbruderschaft oder Regenbogenfamilie (Koalitionsvertrag, Seite 105) sprechen. Aber nein: Die Partnerparteien scheinen sich klassischerweise als Mann und Frau zu begreifen, auch wenn sie „die besondere Situation von trans- und intersexuellen Menschen in den Fokus nehmen“ wollen und selbstverständlich wissen, „dass in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften Werte gelebt werden, die grundlegend für unsere Gesellschaft sind“ (ebd.).

          Bemerkenswert ist weiterhin, dass nie von einer „Liebesehe“ die Rede ist, so, als sei das Vorhandensein von Liebe überhaupt nur zu Beginn der Ehe, also zum Zeitpunkt der Heirat, keinesfalls aber für den Fortgang dieser Beziehungsform denkbar. Liebe scheint als dauerhafte Grundlage einer Ehe mithin auszuscheiden. Was aber bleibt dann noch? Eben: die Vernunft. Doch welcher Vernunft genau gehorcht man, wenn man sich ewig bindet? Die reine kann es nicht sein, die praktische auch nicht und die kommunikative erst recht nicht. Vielleicht die dialektische? Oder die zynische?

          Seien wir ehrlich: Letztlich geht es bei der Ehe ja doch bloß um steuerliche Dinge. Ums Geld. Der Vergleich mit der Koalition passt also schon.

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