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Fraktur - Die Sprachglosse : Unter Freunden

Lauscherangriff: Jede Ähnlichkeit mit toten oder lebenden Personen und Elefanten ist nicht beabsichtigt und wäre rein zufällig. Bild: Wilhelm Busch

Wie gut, dass Obama uns abhören lässt: Das ersparte ihm zwar nicht ein paar merkwürdige Hamburger, bewahrte die deutsch-amerikanische Freundschaft aber vor einer großen Krise.

          Das Wort „Freund“ ist in der Politik dermaßen zur Witzfigur geworden, dass man in einer ernsthaften Betrachtung wie dieser eigentlich nicht mehr darüber schreiben kann. Doch nun hat es die Bundeskanzlerin höchstpersönlich in den Mund genommen, die ja eigentlich gar keine engen politischen Freunde hat, jedenfalls nicht mehr, seit Sarkozy und Berlusconi sich abwählen ließen; zu den Partys des Letzteren ist sie freilich nicht einmal gegangen, als der noch voll im Saft stand.

          Jetzt aber sagte Frau Merkel zur allgemeinen Überraschung: „Abhören, das geht nicht unter Freunden.“ Das ist eine kühne Behauptung. Denn dass es jahrelang ging und immer noch geht, hat uns gerade Herr Snowden bestätigt. Wahr wäre der Satz damit nur, wenn die Abhörer, also die Amerikaner, nicht unsere Freunde wären, was man nach dem schönen Abendessen für den amerikanischen Präsidenten im Schloss Charlottenburg nun wirklich nicht sagen kann. Dort geigten auf Kosten des deutschen Steuerzahlers gleich zwölf Cellisten für Barack Obama und seine Frau „Spiel mir das Lied vom Tod“.

          Der Satz der Kanzlerin kann also, wie bei Politikern üblich, nur nach vorne gerichtet gewesen sein. Bestimmt meinte sie: Abhören, das geht nicht mehr unter Freunden. Oder noch freundschaftlicher: Liebe Freunde, hört doch bitte langsam mal auf mit dem Abhören. Diese Forderung ist momentan so populär, dass sich ihr auch die Kanzlerin anschließen muss, schließlich will man vor einer Wahl ja besonders oft geliked werden, wie das heutzutage heißt.

          Dennoch wollen wenigstens wir einmal kurz darüber nachdenken, ob der Lauschangriff unter Freunden nicht doch auch Vorteile haben könnte. Man stelle sich vor, wie viel Ärger der SPD erspart geblieben wäre, wenn Gabriel die Gespräche abgehört hätte, die sein Busenfreund Steinbrück mit der Ehefrau zu den Themen Kanzlerkandidatur und Männerfreundschaften führte. Wie sauber es in der CSU zugehen könnte, wenn Seehofer den Söder verwanzen und so dessen Schmutzeleien schon im Keim ersticken könnte, ohne dass die bösartige Presse etwas davon erfährt. Und wie hilfreich es wäre, wenn die Kanzlerin genau wüsste, ob ihre Doppelagentin von der Leyen nicht auch noch für die FDP arbeitet.

          Vielleicht ist die deutsch-amerikanische Freundschaft ja auch so tief, nicht obwohl, sondern weil die Amerikaner so gut über uns Bescheid wissen. Aber auch spies like us sollte man nicht unterschätzen. Ein Pfeifenbläser, der mindestens so vertrauenswürdig ist wie Snowden, pfiff uns, dass die Kanzlerin ihren Gast Obama beim Staatsbankett - es gab Königsberger Klopse oder, wie es im Vorabbericht der NSA hieß: „a strange kind of Hamburger“ - auch mit einem musikalischen Schmankerl überraschen wollte: Franz Beckenbauer (NSA-Codename „Emperor Frank“) sollte zum Dessert seinen immergrünen Megahit „Gute Freunde kann niemand trennen“ vortragen. Die NSA habe natürlich auch diesen Plan abgehört und dem entsetzten Obama mitgeteilt, was wiederum aber unser brillanter BND abgefangen und der Kanzlerin gekabelt habe und so weiter.

          Am Ende spielte man auf Schloss Charlottenburg lieber Ennio Morricone und sicherheitshalber ein paar Stücke, die keine Sau kannte, nicht einmal die NSA. Und die deutsch-amerikanische Freundschaft war dank des wechselseitigen Ab- und Zuhörens wieder einmal gerettet.

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