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Fraktur - Die Sprachglosse : Timing

Zu spät Bild: AP

Nicht was die Politiker sagen, ist das Problem. Sondern dass sie es immer dann sagen, wenn es am wenigsten geboten ist.

          Die Beurteilung dessen, was gesagt wird, hängt natürlich davon ab, was gesagt wird. Schon da kommt es auf jedes Detail an. So ist es zum Beispiel ein großer Unterschied, ob der französische Staatspräsident, der Gott sei Dank alles andere als ein „lebensfremder Purist“ (Joachim Gauck) ist, zu seiner Mätresse sagt: „Zwei Seelen wohnen ach! in meiner Brust.“ Oder ob er formuliert: „Zwei Brüste wohnen ach! in meiner Seele.“ Mindestens ebenso wichtig wie die richtige Wahl und Anordnung der Wörter ist allerdings der Zeitpunkt, zu dem sie geäußert werden. Karl-Theodor zu Guttenberg, der große Transatlantiker, der ausgerechnet jetzt, wo außenpolitische Wetterfestigkeit gefragter denn je ist, von seinem Recht auf Vergessenwerden Gebrauch macht, hätte gesagt: Es geht um den „Kairos“, sprich: das richtige Timing. Guttenberg weiß, wovon er redet, schließlich hatte er einst – kurz nachdem er mit Hilfe des Internets als Plagiator enttarnt worden war – mitgeteilt, er werde nun die EU-Kommission in Sachen Internetfreiheit beraten.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Wer das mit dem Timing noch nicht so richtig verstanden hat: alle anderen Politiker. Zum Beispiel Frank-Walter Steinmeier. Der hat jüngst auf dem Berliner Alexanderplatz eine Ruck-Rede gehalten, dass alles zu spät war – vor allem seine Rede. Denn hätte er seine emotionale Seite ein paar Jahre früher entdeckt, dann wäre er heute womöglich Bundeskanzler. Anderes Beispiel: die Bundeskanzlerin. Die hat zuletzt den Sozialverband VdK auf dessen Verbandstag aufgefordert, endlich Druck auf die Regierung zu machen, damit diese das Pflegesystem reformiere. Hatte Merkel denn vergessen, dass die Regierung seit 2005 von niemand anderem als von ihr selbst geführt wird?

          Oder aber: CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer. Der hatte Wind von Gerhard Schröders Geburtstagsfeier mit Wladimir Putin bekommen und prägte sogleich den jetzt schon zeitlosen Satz: „Unsere Jungs leiden bei Wasser und Brot im Verlies, Schröder feiert mit Schampus und Kaviar im Festsaal.“ Dumm nur, dass quasi Minuten später bekannt wurde, dass Scheuers ehemaliger Junge-Unions-Gefährte Philipp Mißfelder auch bei der Feier war. Schließlich John McCain. Der amerikanische Senator sagte vor kurzem in Bezug auf das bedächtige Handeln Angela Merkels in der Ukraine-Krise: Der Einfluss der „Industrielobby“ auf die Politik der Bundesregierung sei „eine Schande“. Wieder ungünstig: Ein paar Tage später wurde bekannt, dass ausgerechnet der Sohn des amerikanischen Vizepräsidenten ausgerechnet bei einem ukrainischen Gasproduzenten anheuert.

          Es scheint, als folgten all die Politiker einem Prinzip, das man von der antizyklischen Fiskalpolitik kennt. Die läuft darauf hinaus, dass man gerade dann am meisten Geld ausgibt, wenn man am wenigsten davon hat. Im Fall der Politiker heißt das: Immer dann etwas sagen, wenn es am wenigsten geboten ist. Möglich ist aber auch, dass sich die Politiker am FC Bayern orientieren. Der hat am Mittwoch einen Antrag auf Einführung der Torlinientechnik gestellt – vier Tage, nachdem er durch das Fehlen dieser Technik das DFB-Pokalfinale gewonnen hatte. Der Gelackmeierte war der Dortmunder Jürgen Klopp. Kleiner Trost: Er hat auf dem Bankett nach dem Spiel die beste Begründung für falsches Timing geliefert. „Gebt heut’ Abend richtig Gas“, sagte er zu seinen Losern, „damit wir wissen, wie es sein könnte, wenn wir wirklich wieder mal was gewonnen haben.“

          Manchmal, das sei hier noch erwähnt, können die Politiker aber auch nichts dafür, wenn ihre Aussagen aus der Zeit gefallen scheinen. Bestes Beispiel: der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan. Der hat zwar generell ein Händchen für die falschen Worte am falschen Ort zur falschen Zeit. Als er jedoch kürzlich das Grubenunglück von Soma mit dem Hinweis kleinzureden suchte, dass es derlei Unglücke auch schon in England gegeben habe, und zwar im 19. Jahrhundert – da war nicht Erdogan zu spät, sondern die englischen Grubenunglücke waren schlicht zu früh.

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