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Fraktur - Die Sprachglosse : Testosterongesteuerte Typen

Metamorphose an der Förde: Hormontriefender Typ bedrängt Seiteneinsteigerin. Bild: Wilhelm Busch

Da werden Sprotten zu Piranhas: Versuch einer (paläontologischen) Erklärung der rätselhaften Vorgänge von Kiel.

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          Nimmt man die Rücktrittserklärung der ehemaligen Kieler Oberbürgermeisterin ernst, was wir natürlich tun, dann muss es da oben im Norden immer noch zugehen wie in der Steinzeit. Dann hat eine Horde hormontriefender Troglodyten – die SPD ist in der Tat die älteste Partei Deutschlands – verhindert, dass eine aufgeklärte Frau wenigstens die Kieler Kommunalpolitik ins 21. Jahrhundert führt. An diesem Befund kann es keinen Zweifel geben, denn kaum jemand kennt die dortigen Verhältnisse so gut wie das langjährige SPD-Mitglied Gaschke. Sie hat ihre Partei schon, als sie noch Journalistin sein wollte, so gründlich durchleuchtet, dass man sich ohnehin fragte, warum sie sich das antat. Verglichen mit der Kieler SPD und anderen dort beheimateten Männerbünden scheint ein Bullenstall ja das reinste Mädchenpensionat zu sein.

          Rätselhaft bleibt auch, weshalb sich ausgerechnet in Kiel so viele „testosterongesteuerte Politik- und Medientypen“ tummeln, wo doch der Norddeutsche nicht erst seit Helmut Schmidt als kühl und kopfgesteuert gilt. Warum traten gerade die kaltblütigen Genossen so breitbeinig gegen die Genossin an wie sonst allein Ronaldo zum Freistoß? Dafür gibt es nur eine Erklärung: Irgendwo in Kiel muss aus einer Erdspalte prähistorisches Testosteron aufsteigen. Bestimmt würde man bei Grabungen einen riesigen Dinosaurierfriedhof (zweifellos Tyrannosaurus) entdecken, was auch erklärt, warum die schleswig-holsteinische Landesregierung so vehement gegen das Fracking ist.

          Anders als paläontologisch lässt sich die lange (und parteiübergreifende) Reihe spektakulärer Auftritte kaum erklären, die vom Waterkantgate über die Beziehungstat des immer noch flüchtigen Heide-Mörders bis hin zum liebestollen Boetticher und dem politischen Triebtäter Stegner reicht. Männer kommen ja nicht schon als Machos zur Welt. Und zu Hyänen können nach Schiller nur Weiber werden. Kiel aber scheint sogar noch aus Sprotten Piranhas zu machen, die hasserfüllt nach jeder Regenbogenforelle schnappen, die zu ihnen ins Becken hüpft, um dort einen forelligeren Umgang miteinander einzuführen. Auch die Forelle, das wollen wir nicht vergessen, ist freilich ein Raubfisch.

          Dank dem östrogenklaren Bild, das wir jetzt von den Zuständen an der Waterkant haben, wissen wir nun ebenfalls, dass es ein Witz war, als Wolfgang Kubicki sagte, er wolle nicht in die Berliner Politik wechseln, weil er dort „zum Trinker werden (würde), vielleicht auch zum Hurenbock“. Denn Kiel ist für Politiker, deren Hormonhaushalt anfällig für Schwankungen ist, offenkundig ein weit gefährlicheres Pflaster als Berlin, was etwas heißen will. Die Stadt an der Förde gehört unter Quarantäne gestellt, bis ein Untersuchungsausschuss geklärt hat, was da wirklich im Untergrund brodelt. Am Ende liefert die Entdeckung von unterirdischen Testosteron-Blasen auch noch die Erklärung für andere rätselhafte Vorgänge in Deutschland. So hat man vielleicht in Limburg einfach nur zu tief gebuddelt.

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