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Fraktur - Die Sprachglosse : Selbst ist der Mann

Der Unschuldsengel Bild: INTERFOTO

Jemanden um Entschuldigung zu bitten, das war gestern. Heutzutage erteilt man sich die Absolution selbst.

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          Kindern geht das Wort noch am leichtesten von den Lippen: „schuldigung", und weg sind sie. Doch lassen sie sich die Formel meistens auch nur dann abpressen, wenn Papa und Mama ganz streng schauen und mit schwersten Sanktionen drohen, dem Abschalten des WLAN-Netzes etwa. Dann muss man halt das E-Wort aussprechen, sagt sich der kleine Anarchist und verstümmelt es wenigstens. Es tut ja auch nicht wirklich weh, und danach ist meistens alles wieder gut. Das nennt man in der Kinderwelt mittlerweile „resetten".

          Die Erwachsenen mussten zum Zurücksetzen ihres Schuldkontos früher noch in die Kirche gehen, die Katholiken gar in den Beichtstuhl treten. Was aber tut in Zeiten der Kirchenflucht zum Beispiel ein armer Sünder, den die Kirche nach einer unglücklichen Scheidung ohnehin nicht mehr so ganz will, obwohl eine überaus glückliche Ehe folgte? Dann muss man ganz allein mit seiner Schuld leben und sich fragen, wie man sie wieder los wird. Es war ja sowieso nicht so gemeint. Nur ein Scherz! Eigentlich muss sich doch der entschuldigen, der ihn nicht verstanden hat.

          Früher bat derjenige, der meinte, Schuld auf sich geladen zu haben, einen anderen um Entschuldigung. In unseren schnelllebigen Zeiten aber übernimmt er das gleich selbst: „Ich entschuldige mich." Das Autoentschuldigen stellt zweifelsohne einen Fortschritt im Umgang mit Schuld und Sühne dar. Mit der ehemals handelsüblichen Bitte um Entschuldigung war man vollständig der Gnade dessen ausgeliefert, den man gekränkt, beleidigt oder dessen Mailbox man zugemüllt hatte. Eine einzige Demütigung. Heutzutage, unter den Bedingungen der Emanzipation, gilt: Selbst ist der (Staats-)Mann. Sich selbst die Absolution zu erteilen, das zeugt von wahrer Macht und Größe. Nur die Griechen müssen noch von jemand anderem entschuldet werden, aber da geht es ja um etwas ganz anderes.

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