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Fraktur - Die Sprachglosse : Red-Line-District

Absolutes No-Go: Die Welt verkommt immer mehr zum Red-Line-District Bild: dpa

Immer und überall werden rote Linien gezogen. Dabei gibt es nur eine einzige, die von aufrechten Liberalen und anderen Menschenfreunden akzeptiert werden kann.

          2 Min.

          Die aktuelle Debatte über Zwangsprostitution hat das eigentliche Problem in den Untergrund gedrängt: dass Deutschland und die Welt immer mehr zum Red-Line-District verkommen – ein absolutes No-Go, das all jenen nicht behagen kann, die die Freiheit so lieben wie einst der einzigartig einzigartige Nelson Mandela. Und natürlich müssen sich daran auch Leute stören, die wie der neue FDP-Herrenreiter Christian Lindner „Autor“ (oder wenigstens Auto) ihrer eigenen „Biographie“ sein wollen.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Der Rubikon war längst überschritten, als Springer der ARD vorwarf, sie habe mit der Tagesschau-App „eine rote Linie überschritten“. Die absolute Grenze war dann erreicht, als der CSU-Politiker Norbert Geis Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger vorhielt, mit ihrem Gesetzentwurf zur Sterbehilfe sei ebenfalls „eine rote Linie überschritten“. Richtig voll waren das Maß und das Fass aber erst, als Ajatollah Chamenei über das Ziel hinaus schoss und so weit ging, das Recht Irans auf Urananreicherung als „eine rote Linie“ zu bezeichnen. Zuvor waren schon alle Dämme gebrochen, weil Thorsten Schäfer-Gümbel der gesamten Finanzbranche entgegengeschleudert hatte, sie habe, was auch sonst, „eine rote Linie überschritten“. Und als zuletzt auch noch Sigmar Gabriel nicht davor haltmachte, der Union „eine rote Linie nach der anderen“ (Julia Klöckner) aufzuzeigen – da war es uns, als ob es tausend Linien gäbe und hinter tausend Linien keine Welt.

          Hat Deutschland denn nichts aus seiner Geschichte gelernt? Eigentlich müssten wir doch wissen, dass es nicht nur keinen Straßenstrich, sondern überhaupt keine rote Linie geben darf, schon gar nicht, wenn es sich dabei um die grüne oder gar um die bayerische Grenze handelt. Was hätte wohl Nelson Mandela gesagt, als Horst Seehofer Reporter des WDR, die bei ihren Recherchen eine rote Linie überschritten hatten, mit dem Satz „Die müssen raus aus Bayern“ beschied? Vermutlich wäre er sauer gewesen. Denn Mandela hat uns gelehrt, dass alles, was Menschen trennt, ein rotes Tuch ist. Und noch aus dem Himmel hat uns der südafrikanische Fußballfan – gemäß der Übersetzung des Gebärdendolmetschers bei der Trauerfeier im Stadion – zugerufen: „Sehet die Linien auf dem Felde, sie spinnen nicht, sie weben nicht, und vor allem sind sie nicht rot!“

          Rote Linien sind immer feindliche Linien. In erster Linie werden sie (wie auch die weißen Lines) von Leuten gezogen, die keine Linie haben oder andere Leute auf Linie bringen wollen. Die einzige rote Linie, die aufrechte Liberale und auch alle anderen Menschenfreunde gelten lassen dürfen, sind die zusammengekniffenen Lippen von Marietta Slomka, wenn sie Sigmar Gabriel interviewt. Alles andere ist, wie es heute heißt, nicht darstellbar. Because you’re mine, I walk the line.

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