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Fraktur - Die Sprachglosse : Promotionstourismus

Luftnummer: Wer betrügt, der fliegt. Bild: Wilhelm Busch

Jetzt kann wirklich keiner mehr behaupten, dass die CSU gegen Armutsmigration aus dem Osten ist.

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          Wo war eigentlich Claudia Roth, als der Sozialtourismus über uns kam? Natürlich nur als menschenverachtendes Unwort, denn als Tatsache gibt es ihn ja gar nicht. Aus Rumänien und Bulgarien kommen, wie man jetzt überall sehen und lesen kann, fast nur junge Ärztinnen und hochqualifizierte Klempner nach Deutschland, die nichts lieber tun, als in unsere Rentenkasse einzuzahlen. Aber das Unwort schlich sich unerkannt bei uns ein, bis es jetzt von der „sprachkritischen Aktion“ erwischt wurde. Es sollte allen zu denken geben, dass dies erst und nur einer Technischen Universität gelang. Claudia Roth war wohl immer noch damit beschäftigt, die Betriebsanleitung ihres neuen und fair gehandelten Dienstwagens zu studieren.

          Die Darmstädter Jury zeigt uns sprachunsensiblen Journalisten Jahr für Jahr, dass eigentlich harmlose, mitunter sogar hochangesehene Wörter wie jetzt eben „sozial“ und „Tourismus“ zu ganz üblen Gesellen verbunden werden können, die den Ruf Deutschlands beschädigen.

          In England glaubt man seit der Entdeckung dieses sprachlichen Schweinehunds bestimmt, dass wir unseren gar nicht existierenden Sozialtouristen im Integrationskurs als Erstes beibringen, wie man morgens um sieben mit einem Handtuch eine Liege am Pool besetzt. Jawoll, besetzt! Das ist natürlich Nonsens. Aber ein bisschen Ordnung kann nicht schaden, am Schwimmbecken nicht und in unserem Sozialstaat schon gar nicht. Dankenswerterweise hat die Europäische Kommission schnell einen Reiseführer für Sozialtouristen – das Darmstädter Unworturteil ist noch nicht in alle Amtssprachen übersetzt worden – herausgegeben, der ihnen dabei hilft, sich im Dschungel unseres wirklich unübersichtlichen Sozialsystems zurechtzufinden.

          Hilfreich wäre es auch, wenn die EU eine ähnliche Handreichung für Promotionstouristen herausbrächte, damit die endlich wissen, in welchem Landkreis sie ihren Titel führen dürfen und in welchem nicht. Sonst kann sich die Karlsuniversität in Prag demnächst nicht mehr vor Doktoranden retten, die dort ihren Grundschulaufsatz über ihr schönstes Ferienerlebnis als Doktorarbeit einreichen wollen, auf Deutsch, versteht sich. Vor zwanzig Jahren wäre das noch völlig unvorstellbar gewesen, ganz Böhmen hätte „Germanisierung!“ geschrieen und die Mobilmachung verlangt.

          Da sieht man einmal am praktischen Beispiel, wie viel die bayerische Staatsregierung und die Hanns-Seidel-Stiftung – hier ist der Bindestrich, anders als bei Franz Josef Strauß, zwingend und dieser Hinweis auch, denn offenbar tun sich selbst Führungskader der CSU auf diesem Gebiet schwer – inzwischen für die Verbesserung des deutsch-tschechischen Verhältnisses getan haben.

          Und von wegen, die CSU sei gegen die „Armutszuwanderung“ aus dem Osten (die in Darmstadt um den ihr zustehenden Unwort-Titel gebracht wurde, ist sie doch fünfzehnmal vorgeschlagen worden und der Sozialtourismus nur dreimal).

          Andreas Scheuer
          Andreas Scheuer : Bild: picture alliance / dpa

          Der aktuelle Fall belegt das Gegenteil: Die sogenannte Doktorarbeit des CSU-Generalsekretärs soll nicht besonders reich an neuen Erkenntnissen sein, und dennoch hat er es mit seinem Prager Bildungshintergrund in München bis ganz nach oben geschafft. Die CSU ist eben eine für Grenzüberschreitungen offene Aufsteigerpartei. Und eine, die an ihren Traditionen festhält, auch und gerade bei ihren Generalsekretären.

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