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Fraktur - Die Sprachglosse : Primat der Politik

Primat der Politik: Oder doch nur der Affe von Wolfgang Grupp? Bild: Wilhelm Busch

Das kann doch einen Kaufmann nicht erschüttern: Macht ihr ruhig eure Sanktiönchen, sagt die deutsche Wirtschaft, wir kümmern uns ums Geschäft.

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          Der Primat der Politik ist entgegen verbreiteter Meinung nicht ein Affe, der es unerkannt in den Bundestag geschafft hat. Nein, dabei handelt es sich, wie der Besuch von Siemens-Chef Joe Kaeser in Moskau verdeutlichte, um das Vorrecht von Regierungen, sich mit Sanktiönchen lächerlich zu machen, während richtige Kerle wie Putin, Schröder und eben Kaeser dafür sorgen, dass darunter das Geschäft nicht leidet.

          Zum Glück, möchte man sagen. Man kann das deutsch-russische Verhältnis schließlich nicht nur diesen schlechtbezahlten Hysterikern in den Staatskanzleien überlassen, die nach den Launen der Wähler kommen und gehen. Wo wäre die deutsche Wirtschaft, wenn sie sich dieses Demokratiegedöns zu eigen gemacht hätte! Kaiser-, König- und Drittreiche sind untergegangen, Siemens aber gibt es immer noch. Die Firma ist schon 160 Jahre lang mit Russland verbunden, also fast so lange wie die Krim.

          Da entsteht zwangsläufig eine prima Wertegemeinschaft, die sich doch nicht von ein paar „kurzfristigen Turbulenzen“ wie einer kleinen Annexion ins Wanken bringen lässt. Das kann doch einen Kaufmann nicht erschüttern! Kaeser sagt, man habe in dieser langen Zeit „eine Reihe von Herausforderungen gemeinsam gemeistert“. Soll wohl heißen: Wer mit Stalin konnte, kommt auch mit Putin klar. In stramm organisierten Konzernen hat man einfach ein ganz anderes Grundverständnis für starke Führungspersönlichkeiten als in diesen Politikerkreisen, die immer nur über den Zwang zum Kompromiss lamentieren.

          Dennoch müssen wir an dieser Stelle nicht nur die stets an die Friedensdividende denkende Wirtschaft loben, sondern auch die Bundesregierung. Erstens sorgt sie zusammen mit ihren Verbündeten im Westen für Heiterkeit im Kreml. Und wer lacht, schießt nicht. Zweitens hat die Regierung Merkel jetzt Julija Timoschenko dafür gerügt, dass sie diesem „Dreckskerl“ (das ist noch eine freundliche Übersetzung) in den Kopf schießen wollte.

          Also, das geht wirklich gar nicht. Auch wenn der Kreml nach Gutdünken Ländergrenzen verletzt, gibt es doch wenigstens „Grenzen in Sprache und Denken, die nicht überschritten werden dürfen“, wendet mit Recht Regierungssprecher Seibert ein, selbst wenn wir offenkundig nicht einmal das verhindern konnten. Wir sollten aber froh sein, dass es wenigstens bei uns zivilisiert zugeht. In Berlin sagt höchstens einmal der Kanzleramtschef zu einem Parteifreund: „Ich kann deine Fresse nicht mehr sehen!“ So trägt man in lupenreinen Demokratien Konflikte aus. Doch nicht mehr mit der Kalaschnikow!

          Und überhaupt: Soll das der Dank dafür sein, dass wir Timoschenko eine neue Bandscheibe spendiert haben? Will uns gleich den nächsten Kriegsversehrten schicken! Da kommt sie aber an die Richtigen. Peter Scholl-Latour hat uns noch rechtzeitig daran erinnert, dass es von der Ukraine nur dreihundert Kilometer bis nach Stalingrad sind. Na Prost Mahlzeit! Nein, in so ein Desaster lassen wir uns nicht noch einmal holterdiepolter hineinziehen, das verhindern schon unsere alten Kämpen Schmidt, Bahr und Eppler.

          Die Timoschenko sollte sich lieber ein Beispiel an Putin nehmen. Der redet nie von Kopfschüssen, sondern immer nur von der „totalen Vernichtung“, und das auch nur im Falle von Terroristen, die er überall hin verfolgen werde, wirklich überall hin: „Wenn wir sie auf dem Klo erwischen, machen wir sie eben auf dem Klo kalt.“ Terroristen aller Länder, aufgepasst! Putin hat euch nicht nur bis auf die Krim verfolgt, sondern auch schon eure Nester in Kiew und im Osten der Ukraine entdeckt.

          Wir friedliebenden Deutschen dagegen haben nichts zu befürchten – solange die russische Minderheit in Baden-Baden nicht Moskau um Hilfe bittet. Denn gefühlt gehört diese Enklave mindestens schon so lange zu Russland wie die Krim. Oder wie Königsberg zu Deutschland. Das bringt uns auf einen Gedanken, den wir hier aber sicherheitshalber nicht aufschreiben wollen. Denn Putins Dienste werden ja nicht nur mithören, sondern auch mitlesen. Und man kann ja nicht wissen, wie es ausgeht, wenn all die Putin-Verehrer ein Referendum über den Anschluss Deutschlands an das glorreiche Russland fordern. Das mit dem Selbstbestimmungsrecht der Völker war vielleicht doch keine so gute Idee. Wahrscheinlich wäre es wohl wirklich das Beste, wie legten unser Schicksal in die Hände von Siemens.

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