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Fraktur - Die Sprachglosse : Nackt

Badeten gern lau: Gustav Noske (links) und Friedrich Ebert Bild: INTERFOTO

Man muss heute jederzeit damit rechnen, dass sich Frauen ihre Kleider vom Leib reißen und „Fuck society!“ brüllen.

          2 Min.

          Man hat heutzutage ja schon Hemmungen, beim Metzger nach frischem Fleisch zu fragen, weil man in Zeiten von Femen, Pussy Riot, Peta, Feta und AfD jederzeit damit rechnen muss, dass sich die Fleischfachverkäuferin plötzlich ihre Kittelschürze vom Leib reißt, auf die Theke springt und „How much is the fish?“ oder – wenn es sich um einen der wenigen Pferdemetzger handelt – „I am the horseman!“ kreischt.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          „Was soll das?“, fragen sich nach einer ähnlichen Nackt- und Nebelaktion im Kölner Dom nun auch manche Beobachter, die bisher sogar ein Auge zugedrückt haben, wenn ältere Männer am Yasukuni-Schrein beteten oder junge Frauen sich angeblich aus politischen Gründen nicht entblödeten, sich zu entblößen. Oder soll man besser sagen: sich in Nacktheit zu kleiden?

          „Kleider machen Leute“, lautet ein wahres Wort – erinnert sei hier an die Noppensocken von Guido Westerwelle, an Friedrich Eberts Badehose oder an die Weste des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan, die bekanntlich „weiß wie Milch“ ist. Ebenso wahr ist aber auch, dass keine Kleider Leute machen. Beispiele hierfür sind die besagten Femen-Frauen, die wie manche AfD-Mitglieder „sehr überzeugt von der Richtigkeit ihrer Ansichten sind“ (Bernd Lucke), oder der Kaiser aus dem Märchen „Des Kaisers neue Kleider“.

          Die Geschichte der Menschheit beginnt in der Umkleidekabine

          Doch der Komplexität noch nicht genug: Kleider machen nicht nur Leute, sondern sogar Menschen, genauer gesagt: den Menschen. „Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan, und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze.“ Die Geschichte der Menschheit beginnt quasi in der Umkleidekabine. Aber was ist da eigentlich genau passiert?

          Nach Ansicht des Theologen Erik Peterson war es keineswegs so, dass sich Adam und Eva zum ersten Mal überhaupt was angezogen haben; vielmehr mussten sie jeweils das Kleid der göttlichen Gnade – ganz stofflich „Adamskostüm“ genannt – eintauschen gegen Siebenachtelhosen, sportliches Kurzarmhemd und Trekkingsandalen. Nackt bedeutet also nicht unbedingt nackt und erst recht nicht entblößt oder gar bloßgestellt. Das haben ein paar tausend Jahre später die Nudisten mit ihren „Lichtkleidern“ zu bekräftigen versucht, und auch Sartre hat das gewusst. Nach seinem Dafürhalten wird das „Fleisch“ einer Frau nicht durch Kleidung verborgen, sondern durch anmutige Bewegungen. Nichts sei weniger aus Fleisch als eine Tänzerin – selbst wenn sie nackt ist.

          Auch die Femen-Aktivistin aus dem Kölner Dom hat sich viel bewegt. Anders als Sartres nackte Tänzerin war sie dabei allerdings wirklich nackt, bloß, zumindest obenrum. Obenrum frei ist wieder was anderes.

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