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Fraktur - Die Sprachglosse : Lähmendes Entsetzen

Unbestimmte Angst: Koalitionspolitiker am Morgen, als ihm wieder einfällt, wie komplex sein Leben derzeit ist. Bild: Wilhelm Busch

Die CSU verlangt nicht einmal mehr Blutgeld für Friedrich. Ihr würde auch schon ein Vertrauensbeweis genügen, damit sie morgens wieder aus dem Bett kommt.

          So blutrünstig, wie sie immer tut, ist die CSU überhaupt nicht. Sie fordert gar nicht den Kopf Oppermanns in einem Maßkrug. Nicht einmal einen Finger von ihm will sie haben, was zum Beispiel in Japan, das über einen ähnlichen Ehrbegriff verfügt wie die CSU, das Mindeste wäre, wenn dort ein Friedrich-san wegen eines Verräters aus den fast eigenen Reihen erst sein Amt verloren hätte (Bundeskabinett) und dann seine Beherrschung (Morgenmagazin). Nein, die Christlich-Sozialen haben sich nach einem kurzzeitigen Aufflammen alttestamentarischen Zorns der etwas aktuelleren Bergpredigt erinnert und danach nur noch einen „Vertrauensbeweis“ von der Sozialdemokratie gefordert, der, wie Landesgruppenchefin Gerda Hasselfeldt andeutete, gerne auch in Form von kleineren Zugeständnissen in Sachfragen erbracht werden könnte.

          Selbst das hat der erschütterte CSU-Chef Seehofer aber sofort dementiert, wie üblich. Abermals wusste in der ganzen Partei außer ihm niemand, was die CSU gerade wollen soll. Derzeitiger Sachstand ist, dass sie nicht einmal mehr ein Blutgeld für Friedrich fordert. Er ist eben kein Oberbayer, sondern nur Oberfranke. Und wie heißt es doch in der CSU-Zentrale unter Bezug auf Beckstein, Guttenberg und Söder: Man muss Gott für alles danken, auch für Ober- und Mittelfranken.

          Doch zurück zu Hasselfeldt und dem Vertrauensbeweis. Sie outete sich angelegentlich dieser Vertrauenskrise als Anhängerin Luhmanns, dessen wegweisendes Werk „Vertrauen - Ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität“ nachträglich noch zu einem verbindlichen Anhang des Koalitionsvertrags erklärt werden sollte, wie natürlich auch Hobbes’ „Leviathan“. Luhmann hatte gerade noch rechtzeitig für die Morgenmuffel von der Achtundsechziger-Generation festgestellt, dass ein Mensch ohne jegliches Vertrauen morgens sein Bett nicht verlassen könnte: „Unbestimmte Angst, lähmendes Entsetzen befielen ihn.“

          Das ist genau der Gemütszustand, der die Politiker der großen Koalition ergreift, wenn in der Frühe ihr Wecker klingelt und ihnen wieder einfällt, wie komplex ihre Sozialpartnerschaft ist. Das Bündnis hat derzeit einen Vertrauensbeweis noch nötiger als einen Gottesbeweis, denn an Gott glaubt immerhin die eine Hälfte der Koalition. Der auf beiden Seiten ohnehin nur schwache Glaube an Berechenbarkeit und Verlässlichkeit dieser Allianz ist jedoch überall verflogen. Die Führungskader der GroKo haben daher absolut recht, wenn sie fordern, dass die offenen Fragen jetzt schnell geklärt werden müssen: Wen wird Oppermann noch verpfeifen? Wen Merkel als nächsten auf die Planke schicken, damit „die Menschen den Eindruck (!) von Transparenz“ und „Vertrauen in unsere Abläufe“ haben?

          Ein Anfang ist es, dass im Namen des Rechtsstaats geopferte Minister darauf vertrauen können, nicht allzu tief zu fallen. Friedrich soll sich, so heißt es, als neuer Vize-Fraktionsvorsitzender künftig vor allem um die Europapolitik kümmern. Da kann er dann nach Herzenslust vertrauensbildend wirken. Denn ein Gebiet, auf dem die Bürger der Regierung noch weniger vertrauen als beim Euro, wird selbst diese Koalition kaum finden können.

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