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Fraktur - Die Sprachglosse : In aller Ruhe

Requiescat in pace: Die deutschen Parteien warten in aller Ruhe ab, wer sich zuerst bewegt Bild: Wilhelm Busch

Die deutsche Politik ist gar kein Hühnerhaufen. Nur die FDP musste nach der Wahl wieder aus der Reihe tanzen, aber auch sie ruht jetzt in Frieden. Und den ruhelosen Grünen ist ohnehin nicht zu helfen.

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          Wer meinte, die deutsche Politik sei ein aufgeregter Hühnerhaufen, der nach einem überraschenden Wahlausgang erst recht sinnlos herumgackere, den haben die vergangenen Tage eines Besseren belehrt. Die Wendung der Woche lautete nicht: „Liebling, ich habe aus Versehen die FDP geschrumpft!“ Auch spitze Schreie in der Art „Hilfe, wir müssen schon wieder mit Mutti koalieren!“ waren kaum zu vernehmen. Nein, fast alle Politiker sprachen davon, dass sie dieses aufregende Wahlergebnis „in aller Ruhe“ analysieren würden, weil der Ball sowieso im Feld der anderen liege. Nur die FDP musste gleich wieder aus der Reihe tanzen, aber damit ist es jetzt ja auch vorbei. Sie ruht erst einmal in Frieden, weswegen sie sich in RIP umbenennen will. Und den Grünen liegt die Hysterie einfach im Blut, da kann man nichts machen.

          Der große Rest aber ertrug die abermals undurchdachten Wünsche des Souveräns mit Fassung, auch wenn die CDU für ihre Verhältnisse etwas über die Stränge schlug: Tote Hosen statt Hoffmann von Fallersleben, das geht selbst bei einem Blutalkoholspiegel von 41,5 Prozent zu weit. Die Kanzlerin sollte sich ausnahmsweise mal ein Beispiel an ihrem Steigbügelhalter nehmen, der blieb ganz gelassen. Guter (!) Pinot Grigio ist einfach ein 1a-Beruhigungsmittel. Die SPD-Führung kann nun in aller Ruhe überlegen, wie sie Steinbrück wieder los wird. Franz Müntefering arbeitet im Ruhestand an der Neufassung seines berühmten Worts (Wie wäre es mit „Koalition ist Mist, große Koalition ist großer Mist“?). Und in Hessen will Schäfer-Gümbel ganz ruhig darüber nachdenken, wie er die Ypsilanti machen kann, ohne sich einer Geschlechtsumwandlung unterziehen zu müssen.

          Wer sich zuerst bewegt, wird gefressen

          Alle eifern sie dem großen Stoiker der deutschen Politik nach. Nein, nicht Stoiber, Seehofer! Der ist seit der Bayernwahl die Ruhe selbst. Anders als seine Einsame-Spitze-Freundin Angéla braucht er in München keinen Koalitionspartner mehr. Und beim Parteienmikado in Berlin kann er regungslos wie eine Gottesanbeterin abwarten, wer sich zuerst bewegt. Der wird dann gefressen, zu den Klängen von „Wandrers Nachtlied“.

          Aber selbst Seehofer könnte beim Absenken des Ruhepulses noch etwas lernen, und zwar ausgerechnet von uns Journalisten, die wir ihn sonst doch immer auf die Palme bringen. Niemand bewahrte nach der Bundestagswahl so die Ruhe wie die geschätzten Kollegen von der „Neuen Zürcher Zeitung“, die ihre Deutschlandausgabe am Montag mit umfangreichen „Beobachtungen an einem Wahlsonntag in Nordfranken und Südthüringen“ aufmachten. Das Stück enthüllte, dass die Bundestagswahl weder in Coburg – endlich hat die Weltpresse die Bedeutung Oberfrankens erkannt – noch in Sonneberg ein richtiger Aufreger gewesen ist. Folgerichtig stand die Meldung über den Wahlsieg der Union auch nur einspaltig daneben. Wir werden jetzt in aller Ruhe prüfen, ob wir das in vier Jahren nicht auch so machen sollen. Schon deswegen wären wir dankbar, wenn uns baldige Neuwahlen erspart blieben.

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